oder: Wie alles begann…

Vor sechs Jahren und 4 Monaten begann mein neues Leben: Mein Leben als Mama. Passend zum Start meines Eltern-Blogazins habe ich einen alten Text aus dieser Zeit gefunden, der gut die Magie der ersten Wochen im neuen Leben mit Kind widerspiegelt.

Lieber kleiner Lennox, endlich bist du da. Warm und winzig klein liegst du neben mir, dein zerknittertes Gesichtchen schutzsuchend an meiner Brust. Der Sturm, die Geburt, ist vorbei, Ruhe und Frieden sind eingekehrt. Die Welt da draußen, sie ist ganz weit weg.

In dieser ersten Nacht im Krankenhaus mache ich kein Auge zu. Viel zu spannend ist es dich anzuschauen, das Wunder zu verstehen, das gerade passiert ist.

Ein Songtext* fällt mir plötzlich ein: „Du schläfst neben mir ein – ich könnt dich die ganze Nacht betrachten – sehn wie du schläfst, hörn wie du atmest – bis wir am Morgen erwachen“… Genau das ist es, was ich in dieser ersten Nacht tue.

Auch du schläfst nur zwischendurch. Es gibt für dich noch keinen Tag-Nacht-Rhythmus. Immer wieder wendest du mir im Halbdunkel dein kleines schrumpeliges Gesichtchen zu, wir schauen uns die ganze Nacht an, beäugen uns – neugierig. Staunend und gerührt ich, du voller Vertrauen darauf, dass deine Mama dich beschützt.

Tag 2:

Die ersten Besucher trudeln langsam ein. Ich freue mich, doch würde gleichzeitig lieber alleine sein mit meiner kleinen neuen Familie. Die Welt draußen kommt mir dadurch zu nah. Ich will sie noch nicht sehen, nicht hören, sondern noch eine Weile weiter ausschließen. Sie aussperren so gut es geht, um nur bei mir zu sein, nur bei dir. Alles andere ist so unwichtig.

Vergess‘ den Rest der Welt, wenn du bei mir bist“…

Tag 3:

Ich habe das Gefühl, ich muss nach Hause. In die vertrauten eigenen Wände. Um den Zauber deiner Ankunft weiter auszukosten, der Realität noch eine kleine Weile länger zu entkommen und um wirklich zu verstehen, dass ich jetzt Mama bin. Fast fluchtartig verlassen wir das Krankenhaus, fahren mit dem Taxi nach Hause.

Es ist ein komisches Gefühl. Die Wohnung ist dieselbe und doch ist alles anders. Seit Wochen, Monaten schon ist alles liebevoll für dich hergerichtet: die Wickelkommode, das Bettchen, der Kleiderschrank mit den Stramplern und Bodies. Nun bist du da, Lennox, und füllst dies alles mit Leben. Wir legen dich zum ersten Mal in den Stubenwagen, vor dem wir so oft gestanden und versucht haben uns diesen Moment vorzustellen. Es ist unwirklich, wir sind glücklich und gleichzeitig ängstlich und unsicher. Du bist so winzig und hilflos, deine Augen fast noch blind – woher sollen wir wissen was du gerade brauchst? Ob es dir gut geht? Da schaust du uns an, gähnst herzhaft, legst dir die Hand vor die Äuglein und schläfst ein. Und übrig bleibt in diesem Moment nur das Glück.

Tag 4:

Wir lernen unsere Nachsorgehebamme Jutta kennen. In den kommenden Wochen wird sie zu einer wichtigen Person für uns, die da ist um uns unsere vielen Fragen zu beantworten. Keine Frage ist für sie zu dumm oder unwichtig. Sie ist da um zuzuhören, zu beruhigen, zu trösten. Und das ist gut so, denn du wirst ganz gelb, Lennox. Neugeborenengelbsucht. Ohne Jutta würden wir dich packen und mit dir zurück ins Krankenhaus fahren. Doch sie wirft einen professionellen Blick auf dich und sagt nur: „Ist nicht so schlimm, keine Panik!“ Ein Satz, den wir in den kommenden Tagen immer wieder hören werden und der uns immer wieder beruhigen wird. In dieser ersten Zeit, in der vor allem ich so dünnhäutig bin, geben Juttas Besuche uns Kraft und Zuversicht. Auf ihr Urteil vertrauen wir total.

Tag 5:

Es lässt sich nicht auf Dauer vermeiden, die Welt draußen kommt Stück für Stück näher. Dringt ein in unsere magische kleine Welt. Weitere Besucher kündigen sich an, man kann sie nicht ewig vertrösten. Wir sind natürlich stolz, wollen dich zeigen, Lennox. Das macht es einfacher zu akzeptieren, dass wir uns nicht auf Dauer verstecken können.

Tag 6:

Nachdem wir es lange vor uns hergeschoben haben, sind wir bereit für einen großen Schritt: eine erste Runde um den Block! Wir packen dich warm ein, es ist ein kalter Tag, legen dich in den Kinderwagen und los geht’s!

War die Innenstadt schon immer so voll? Alles erscheint mir zu grell, zu laut, zu hell, zu kalt. Du siehst so winzig und verletzlich aus wie du daliegst „so wunderschön und wertvoll, mit keinem Geld der Welt zu bezahlen“… in deiner viel zu großen Jacke in dem scheinbar riesigen Kinderwagen. Da fängt es auch noch an zu regnen – jetzt ist es auch noch zu nass… Es wird eine kurze Runde, doch es ist ein Anfang und wir sind mächtig stolz.

Tag 7:

Plötzlich stellen wir fest: es ist Mittwoch. Deine Geburt liegt eine ganze Woche zurück! Wahnsinn wie schnell das geht! Noch immer werden wir nicht müde dich zu beobachten, Lennox. Das ist nicht selten eine Tag füllende Aufgabe. Sogar wenn du schreist – was nun öfter vorkommt – schauen wir uns ganz gerührt dein zahnloses Mündchen an und die tiefe Falte über deiner Nase, die dann noch tiefer wird und finden: Wie süß! Du siehst aus wie eine kleine Schildkröte.

Die Tage und Wochen fließen ineinander, Zeit bekommt eine andere Dimension. Wir kennen keine Wochentage mehr, nicht Tag oder Nacht, kein Datum oder Uhrzeit. Was es stattdessen gibt, sind die Momente der Zweisamkeit in denen ich dich stille, die Zeit in der wir dich wickeln, dir beim Schlafen zuschauen und die Stunden in denen wir versuchen dich zu beruhigen, wenn du schreist. Das tust du nun meistens, Lennox: Dreimonatskoliken. Aus unserer kleinen Schildkröte ist nun eine pupsende Schildkröte geworden. Die Idylle ist vorbei, die Realität hat es endgültig geschafft sich breit zu machen. Nun geht es jeden Tag ums blanke Überleben. Jutta kommt weiterhin regelmäßig und tröstet so gut sie kann. Ihr neues Mantra: „Haltet durch, es wird besser!“ Ich kann es nicht so recht glauben, die Nerven liegen blank, dazu die Übermüdung und die ständige Einmischung von außen – ich fühle mich ausgelaugt und funktioniere nur noch mechanisch. Hinzu kommt so etwas wie Zweifel und schlechtes Gewissen. Wieso bin ich nicht glücklich? Du hättest eine Mama verdient, die nichts lieber tut als deine Tränen zu trocknen, Lennox.

Doch dann gibt es zwischendurch diese Momente, manchmal sogar Tage, in denen du kaum schreist, viel schläfst und uns wieder mit diesem wissenden Blick anschaust, als wolltest du sagen: Ihr macht das schon ganz gut, ich zähl auf euch! Du scheinst zu spüren, wann wir diese Momente brauchen und dann betankst Du „mich mit Kraft, nimmst mir die Zweifel von den Augen“…

Und dann nach 8 Wochen plötzlich die Wende: mit deinem ersten bezaubernden Lächeln, wird dein Geschrei spürbar weniger, Lennox. Von nun an wirst du immer mehr zum kleinen Sonnenschein. Du fängst scheinbar ohne Grund an lauthals zu lachen und dir dieses Lachen zu entlocken wird zum neuen Tagesziel, denn „dein Lachen macht süchtig, fast so als wär es nicht von dieser Erde“… Dass du schon mit vier Monaten die ersten zwei Zähnchen bekommst, macht es für mich nur noch lohnenswerter mich dabei zum Clown zu machen.

Kleine Söckchen auf dem Flurboden. Krabbeldecke und Spieltrapez auf dem Küchenboden. Rassel und Spucktuch auf der Wohnzimmercouch. Das Badebuch unter deinem Bettchen. Die erste Feier und du dabei in deinem Tragetuch – quietschvergnügt fast bis Mitternacht.

Langsam aber sicher kann ich es sehen, das Leben mit Kind, mit dir Lennox, so wie ich es mir vorgestellt habe. Es fängt an real zu werden, sich richtig anzufühlen. Anstrengend – ja. Aber auch positiv chaotisch, bunt und turbulent – es macht langsam richtig Spaß!

Das Schlüsselerlebnis als du etwa 5,5 Monate alt bist: Es war ein furchtbar heißer Tag. Das Thermometer zeigt bis spät abends 30 Grad, wir sind alle erledigt. Ein kühlendes Gewitter ist für abends angekündigt. Wir liegen zu dritt auf dem Boden vor dem geöffneten Wohnzimmerfenster. Es fängt bereits an zu dämmern, wird langsam immer dunkler. Wir machen kein Licht, warten. Es wird bereits windiger, warmer Sommerwind weht zu uns herein. Im Hinterhof rappelt und klappert es, irgendwo knallt eine Tür, ein Blumentopf fällt um. Wir warten. Du bist bereits ziemlich müde, Lennox. Liegst zwischen uns auf dem Boden und betrachtest neugierig die vorgehende Veränderung draußen. Du kommst in schläfrige Kuschellaune, drehst dich mal zu mir, mal zu Papa, drängst dich an uns, drückst dein Gesicht an unsere Wangen. „Wenn sich mein Leben überschlägt, bist du die Ruhe und die Zuflucht“…

Und wie wir so daliegen, ist es plötzlich da: das Gefühl, dass es endlich beginnt, hier und jetzt, unser Leben zu dritt. Nirgendwo möchte ich in diesem Moment lieber sein als hier auf dem Wohnzimmerboden, bei euch, bei dir, Lennox, wo ich hingehöre – für immer.

Es ist schön, dass es dich gibt“…

* „Das Beste“ von Silbermond

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s