Der Erste ist nun seit zwei Wochen in der Schule und hat bisher noch nicht allzu viel gelernt. Man hört schon mal „Heute haben wir Ameise/Pinguin schreiben gelernt“, doch da es noch keine Hausaufgaben gab und er die Sachen noch nicht mit nach Hause bringt, weiß ich nicht genau, was das bedeutet. Ich wundere mich darüber, dass an einem Tag das „L“ gemalt wird, am nächsten lernen sie angeblich ganze Wörter wie Ameise und Pinguin… Welches Prinzip steckt da dahinter? Lernt man heute nicht mehr einen Buchstaben nach dem anderen? Und was heißt heute Schreiben lernen? Scheiben sie „amajse“ oder „Ameise“?

Schreiben nach Gehör – für mich eine der schlimmsten Entwicklungen der letzten Jahre. Das Experiment einer Theorie und die Opfer sind unsere Kinder… Vielleicht sehe ich das strenger als andere, so als Germanistin und Redakteurin der das Lesen und Schreiben immer sehr leicht gefallen ist. Doch wenn ich sehe, was für Bewerbungsschreiben ich in meinem Personalsuchamt im Elterninitiativ-Kindergarten auf den Tisch bekomme, frage ich mich, warum heute anscheinend kaum noch jemand orthographisch korrekt schreiben kann. Bei zwanzig Bewerbungen ist vielleicht eine einzige ohne Fehler dabei… Und das bei einer Bewerbung! Wo man doch davon ausgehen muss, dass sich jemand besonders viel Mühe gegeben hat. Dass jemand bei Unsicherheit doch zumindest mal gegoogled und sich bei duden.de informiert hat… Siebzehn, Achtzehn und auch Anfang Zwanzigjährige die nicht mehr unterscheiden können zwischen „das“ und „dass“, die nicht wissen, wann ein Wort groß oder klein geschrieben wird oder wie ein Wort überhaupt geschrieben wird. Ist das die Zukunft meiner Kinder? Nein, ich will das nicht!!!

Frustrationstoleranz wird Kindern abtrainiert

Kinder sollen nicht entmutigt werden. Schön und gut, hört sich erst mal super an. Doch ist es besser, ein Kind ab dem dritten Schuljahr zu entmutigen, wenn es gesagt bekommt „So, was ihr bisher gelernt habt, war alles falsch. Und nun lernen wir es richtig!“ In meinen Augen ergibt das keinen Sinn! Sollte man nicht die Anfangszeit nutzten, wo ein Schulanfänger in der Regel noch hochmotiviert ist und lernen WILL (und zwar RICHTIG lernen will und nicht verarscht werden)? Warum sollte es von Vorteil sein, dass sich ein falsches Schriftbild einprägt, welches dann mühsam wieder korrigiert werden muss?

Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass viele meinen, man dürfe ein Kind nicht mehr frustrieren. Warum sonst gibt es zur Einschulung Geschwistertüten oder zum Geburtstag auch ein Geschenk für das Geschwisterkind, das gar nicht Geburtstag hat? Kindern wird keine Frustrationstoleranz mehr zugetraut. Ich frage mich, wie sich aus solchen Kindern sozial kompetente und starke Menschen entwickeln sollen? Frustrationstoleranz braucht man immer wieder im Leben: Im Berufsleben und auch privat in vielen Situationen. Um nach Niederlagen und negativer Kritik immer wieder aufzustehen, weiterzumachen, sich nicht entmutigen zu lassen, an sich selbst zu glauben.

Richtig ist richtig und falsch ist falsch. Basta!

Ich werde mein Kind beim Schreiben korrigieren! Ich werde sagen „Nein Erster, so ist es falsch geschrieben“ oder abgemildert „So ist es nicht ganz richtig. Ich erklär’s dir mal“. Wie die FAZ ganz richtig schrieb: „Schreiben nach Gehör ist unterlassene Hilfeleistung. Denn die Lehrmethode verlegt das Lernen von der Schule nach Hause.“ Es bleibt an den Eltern hängen, wenn ihnen die Rechtschreibung ihrer Kinder am Herzen liegt. Im Hause Marmeldenschuh wird „Ameise“ geschrieben und nicht „amajse“. Basta! Ich glaube, mein Sohn wird es wunderbar verkraften, von uns verbessert zu werden. Ich weiß, er WILL lernen. Und ich weiß, er hat sich auch noch nie im Geringsten darüber beschwert, wenn er zum Geburtstag der Zweiten komplett leer ausgegangen ist. Mein Sohn besitzt schon jetzt mehr Frustrationstoleranz als so mancher Erwachsene!

Dieser Text wurde inspiriert durch einen offenen Brief der Mutter und Leidensgenossin Isa Becker:

Liebe Erfinder von „Schreiben lernen nach Gehör“,

heute möchte ich mal DANKE sagen. Danke für diese großartige Idee, die Kinder erstmal nach Gehör die Buchstaben malen zu lassen. Sie lernen so schneller lesen – das stimmt wohl. Und irgendwie schreiben sie auch schneller. Wenn man das schreiben nennen kann… Sie sollen Freude beim Lernen haben. Das leuchtet ein.

Nun verhält es sich so: Ich habe einen Sohn, der jetzt die dritte Klasse besucht. Er ist mit Freude in die Schule gestartet und hat mit Freude und mit Hingabe in den ersten Wochen Buchstaben gemalt und nach seinem Gehör Worte daraus geformt. Wir lobten den Fata und die Muta. Wir hatten Tränen in den Augen, wenn wir kleine Briefchen bekamen, auf denen stand: ch hap dij lip – vor Rührung ja, aber auch ein bisschen, weil sich die Fußnägel nach oben rollten angesichts der neuen Wortschöpfungen.

Bitte berichtigen Sie das Kind nicht, das nimmt ihm die Freude und die Motivation beim Lernen, so hieß damals unser Arbeitsauftrag. Also versuchten wir anders zu unterstützen. Wir sprachen bei den Hausaufgaben laaangsam und deutlich und versuchten so, jeden Buchstaben hörbar zu machen. Das funktionierte mal mehr mal weniger, manchmal sorgte es für Erheiterung beim Schreiben, manchmal aber auch für genervtes Augenrollen, wenn man ein Wort dann auch klatschen musste, um die Doppel-Konsonanten auch noch deutlich zu machen.

Liebe Erfinder, habt ihr euch schon mal gefragt, warum ein „stummes h“ – „stummes h“ heißt? Richtig – weil man es NICHT hört. Auch nicht, wenn man noch so deutlich spricht. Ich habe das Wort „Zahnarzt“ mal durch die Küche getanzt, von der Tür bis zum Herd, um meinem Sohn zu zeigen, dass das „a“ ja ganz furchtbar lang gesprochen wird. Verbessern durfte ich ihn ja nicht. Er freute sich darüber, dass seine Mutter ganz offensichtlich den Verstand verloren hatte und schrieb „Zaanartz“. Großartig.

Wie bereits erwähnt, ist mein fröhlicher Schreibanfänger nun in der dritten Klasse und verzweifelt suchen wir inzwischen die Freude und die Motivation beim Schreiben. Selbstverständlich, nachdem alle Buchstaben ordentlich gemalt werden konnten, fing die Lehrerin an, gewisse Regeln zu lehren. Ein Duden musste angeschafft werden, jedes Kind hat eine Box für Lernkarten – die sogenannte „Wörterklinik“.

Die Kinder müssen regelmäßig Texte abschreiben, es gibt seitenweise Lernwörter, die geübt werden müssen. Die Lehrerin ist da auch sehr konsequent, ich denke, sie ist eine gute Lehrerin. Was leider kaum zu verhindern ist, ist, dass sich viele Wörter einfach eingeprägt haben, und zwar so, wie sie von Anfang an geschrieben wurden – nämlich falsch. Und was damals noch Freude machte, bringt heute schlechte Noten und Zorn, Unlust und fliegende Bleistifte.

Heute kam mein Sohn mit einem Diktat nach Hause. Für diese Lernzielkontrolle hatte er Lernwörter zum Üben gehabt. Ein ganzes Wochenende hat er sich damit Mühe gemacht, diese vielen Lernwörter mehrmals abgeschrieben und mir zwischendurch immer mal wieder buchstabiert. Heute gab es das Diktat zurück. Ich sage mal freundlich – da ist noch Luft nach oben.

Die Lernwörter, die er geübt hatte, waren gar nicht so sehr das Problem, sondern alle anderen. Und es ist für mich so logisch. Wenn ich schnell etwas niederschreiben muss, dann schreibe ich einfach drauf los – so wie ich es gelernt habe. Ich denke gar nicht darüber nach, wie die Worte geschrieben werden müssen, ich rufe es einfach ab. Vermutlich machen viele Kinder das heute auch so.

Ich danke euch also, liebe Erfinder dieser Methode, für ein erstes Schuljahr voller Freude, für einen getanzten Zahnarzt, für fliegende Bleistifte, stampfende Kinderfüße und kindliche Verzweiflung, wenn wieder ausradiert wird – „Ich lerne das nie!“
Mein Kind hat heute dann weinend die Berichtigung der Lernzielkontrolle geschrieben und ich habe im Internet ein Übungsbuch bestellt – 100 Diktate.

Den offenen Brief findet Ihr hier:
https://www.facebook.com/isa.becker.75/posts/515694891916315

Was denkt Ihr über das Thema – mischt Ihr Euch ein, oder vertraut Ihr auf die Schule und Lehrer, wenn es um das Schreibenlernen geht?

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4 Gedanken zu “„di amajse di wajnt gants lajse “ – Schreiben nach Gehör

  1. Du sprichst mir aus der Seele!!! – In allen Punkten!
    Auch ich habe mich eingemischt und im Nachhinein kann ich nur sagen – das war auch gut so!
    Ich habe meinen damaligen Frust über dieses Experiment mit unseren Kindern und unsere Erfahrungen auch schon mal niedergeschrieben.
    (http://momsoffice.de/74/lesen-durch-schreiben-bei-uns-durchgefallen/)

    Mittlerweile hat mein Großer (ohne meine Hilfe) fehlerfreie Bewerbungen auf den Weg gebracht;) Bei dem Kleinen justiere ich hin und wieder immer noch nach, aber es ist schon ziemlich gut geworden.

    Man nimmt den Kindern nicht den Spaß am Lernen, nur weil man ihnen zutraut, von Anfang an das Richtige zu lernen. Eher vergällt man es ihnen, wenn sie plötzlich schlechte Noten für das bekommen, was sie vorher gelernt haben.

    Gefällt 1 Person

  2. Grundsätzlich wäre die Idee dahinter ja irgendwie richtig. Die deutsche Sprache ist im Großen und Ganzen ja recht dankbar – kennt man die grundlegenden Regeln zu Aussprache und Schreibweise, kommt man eigentlich ganz gut klar. Allerdings werden diese Regeln ja nicht gelehrt … und welches Kind spricht schon korrektes Hochdeutsch? Ich habe einige Jahre als Redakteurin für Kinder gearbeitet und was ich da teilweise an Leserbriefen bekommen habe … da brauchte ich zum Teil schon Fantasie, um herauszufinden, was gemeint war (allerdings auch bei manchen Elternbriefen).
    Ich hoffe, dass ich meinem Sohn eines Tages beibringen kann, ordentlich zu sprechen, dann kommt der Rest (hoffentlich) von alleine. So ist zumindest meine Traumvorstellung. 😉

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    1. Oh ja, das mit den Briefen kenne ich, bin ja auch Redakteurin 🙂 Ich sitze oft nachmittags mit meinem Sohn da und mache die Deutschhausaufgaben – auch wenn ich ansonsten sehr dafür bin, mich möglichst rauszuhalten… Das mit dem ordentlichen Sprechen funktioniert bei meinen Kindern zum Glück Dank unzähliger Vorlesestunden etc. Doch das alleine ist leider kein Garant für korrektes Schreiben, da irgendwann eben auch die Wörter gelernt werden sollen, bei denen die Schreibweise von der Aussprache abweicht… Das Deutsche beinhaltet viele Ausnahmen von der Regel… Naja, wird schon werden. Man sollte sich auch nicht bekloppt machen lassen. Viel Erfolg Dir!

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