„Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder für jedermann sichtbar bei Facebook und Co zu posten!“

Durch diesen Appell der Polizei Hagen entflammte vor einigen Tagen in den sozialen Medien und unter Elternbloggern erneut eine Diskussion, die immer mal wieder aufkommt und polarisiert: Ist es ok, Kinderfotos im Netz, auf facebook & Co, zu posten? Ich nehme diese aktuelle Diskussion nun zum Anlass, auch meinen Senf dazu abzugeben und zu erklären, warum es auf Marmeladenschuh keine Kinderfotos zu sehen gibt.

Viele regten sich bei diesem Appell über den Ton auf. Zugegeben: Es handelt sich hier nicht um eine rhetorische Perle. Keine Ahnung wer bei der Polizei Hagen für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, aber ich verbuche das Ganze unter „gewollt, aber nicht gekonnt“. Die Formulierung ist – gelinde gesagt – unglücklich und vielleicht dem mangelnden Platz auf solch einer Grafik geschuldet. Vielleicht auch nicht. Wie auch immer: Ich finde den Appell von der Sache her richtig und wichtig!

Ich bin kein Cyborg!

„Jedem Tierchen sein Pläsierchen“. Grundsätzlich bin ich ja sehr dafür, jedem seine eigene Meinung zu lassen. Jeder ist halt anders, hat seine eigenen Prioritäten, seine eigene Art die Dinge zu sehen und die Kinder zu erziehen. Nun bin ich auf der anderen Seite aber auch ein Mensch, kein Cyborg (wie auch Liz von kiddo.the.kid einmal sehr treffend in ihrem Text „Von Busen und Menschen“ formulierte). Es gibt Themen, da gibt es für mich keine Diskussion: Dass man Kinder nicht schlagen darf zum Beispiel. Und zum Thema Kinderfotos im Netz habe ich eben auch eine klare Meinung.

Wer sich hier umschaut, stellt also schnell fest: Es gibt keine Kinderfotos. Darüber hinaus gibt es aber auch keine zu persönlichen Berichte über meine Kinder. So weit dies möglich ist. Denn natürlich bleibt es bei einem Elternblog nicht aus, dass ab und zu auch die Kinder im Vordergrund stehen. Meine Texte behandeln aber vor allem oft allgemeine Dinge und wenn es persönlich wird, betrifft dies eher mich selbst, meine Gefühle, meine Meinung etc. Warum also?

Pädophile sind nicht das Problem!

Was mich an der ganzen Diskussion immer wieder ganz besonders ärgert, ist das Argument, dass es dabei in erster Linie um die Angst vor Pädophilen geht und dass die sich ja ihre Fotos auch anders beschaffen können… Es geht aber nicht darum, dass abartig veranlagte Menschen Fotos von Kindern in die Hände bekommen. Wer die Diskussion auf diesen Punkt beschränkt, hat nichts verstanden! Es geht nicht darum, dass man keine Fotos von unbekleideten Kindern posten sollte. Die meisten Eltern sind zumindest so verantwortungsvoll, dies nicht zu tun. Es geht nicht um den Schutz vor Pädophilen – jedenfalls nicht in erster Linie! Es geht um den Schutz vor (Cyber-)Mobbing. Um Wertschätzung, Wahrung von Persönlichkeitsrechten, Erziehung auf Augenhöhe, Selbstbestimmung… Große Grundsätze die ansonsten in der Erziehung von Kindern heute eine große Rolle spielen und in aller Munde sind. Warum werden diese Grundsätze dann mit Füßen getreten, wenn es um das Veröffentlichen von Kinderfotos geht? Ich verstehe das nicht. Das Medienverhalten vieler Eltern und ihre sonstige Erziehung gehen hier getrennte Wege…

Selbstbestimmung ja, aber nur, wenn sie unserer eigenen nicht in den Weg kommt(?)

Kinder werden heute ernst genommen und nach ihrer Meinung gefragt. Sie dürfen selber bestimmen, was sie morgens anziehen, wen sie zum Kindergeburtstag einladen, ob sie am Wochenende lieber Nudeln oder Kürbissuppe essen wollen. Aber wenn es um Fotos im Netz geht, werden sie nicht gefragt? Mal ganz abgesehen davon, dass ein Kind natürlich auch die Reichweite einer solchen Entscheidung gar nicht überblicken kann. Wie Herr Wilhelm von Pro Familia Darmstadt mal in einem Interview zu mir gesagt hat: „So ab sieben Jahre muss man ein Kind schon fragen, bevor man ein Foto veröffentlicht. Dann muss man es aber auch so erklären, wie es ist, nämlich als wenn man sein Foto riesengroß mitten auf den Luisenplatz hängen würde.“ Oder eben auf den Alex in Berlin oder sonst wohin. Oder eigentlich überall hin gleichzeitig! Mein Sohn ist sechs Jahre alt und sagt dazu klar „nein!“ Er möchte das nicht. Doch wenn es ihm egal wäre, würde ich es dennoch nicht tun. Weil ich weiter in die Zukunft denken kann als er. Weil ich möchte, dass er Medienkompetenz lernt. Und das heißt nicht, auf den „Das-ist-heute-normal-und-gehört-nun- mal-zum-Leben“-Zug aufzuspringen, sondern dass er sich die Konsequenzen seines Handelns wirklich bewusst machen, sie reflektieren kann. Dass er weiß, dass das Internet nicht vergisst und etwas das heute vielleicht ok für ihn erscheint, ihm im Bewerbungsgespräch einige Jahre später peinlich wäre. Wie ein Tattoo, das man zehn Jahre später vielleicht auch lieber los werden würde, weil es nicht mehr zu einem passt.

Ich teile Kinderfotos auf facebook und What’s App nur unter meinen Freunden“

Ein Argument bei dem sich mir die Nackenhaare sträuben, weil es nämlich keines ist. Und weil es eine Sache sehr deutlich zeigt: Meine Generation, die aktuelle Elterngeneration, hat oftmals selber viel zu wenig Ahnung. Wie auch? Uns fehlen hier die Vorbilder. In unserer Kindheit gab es all das noch nicht: Internet, Smartphone, soziale Medien. Alles #Neuland.

Kinderfotos z.B. auf facebook sind nie sicher! Auch dann nicht, wenn ich sie vermeintlich nur mit meinen Freunden teile. Wie die Rechtsanwaltkanzlei Gulden Röttger schreibt: „Schaut man sich auch mal die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook genauer an, sichern sich die Betreiber eine einfache Lizenz an den hochgeladenen Fotos. Zwar kann der Urheber mit den Fotos weiterhin verfahren wie er möchte, jedoch räumt er Facebook ebenfalls ein Nutzungsrecht ein. Facebook behält sich in seinen AGBs ebenfalls vor, die Fotos in Zukunft eventuell auch an Dritte (z. B. Werbepartner) weiterzuleiten.“ Und übrigens: Whatsapp gehört seit 2014 facebook…!

Auch zum Thema Mobbing und zum Rechtshintergrund kann man dort einiges nachlesen, was ich jetzt hier ausklammere, damit der Post nicht zu lang wird. Bitte macht Euch schlau zu diesen Themen, bevor Ihr Euch eine Meinung bildet!

Mein Anliegen

Es geht mir nicht darum, die Moralkeule zu schwingen – ein Vorwurf der einem immer schnell gemacht wird, wenn es um so kontroverse Themen geht und wenn sich jemand vielleicht ertappt und in dem was er tut angegriffen fühlt. Das Thema ist mir ein wirkliches Anliegen und ich möchte zum Nachdenken anregen. Ich appelliere wirklich an alle, noch mal sehr genau in sich hineinzuhorchen: Fühlt sich das Teilen von Kinderfotos für Euch wirklich richtig an? Passt das wirklich zu Eurem sonstigen Erziehungsstil, der bestimmt wertschätzend und empathisch ist und wo Selbstbestimmung und Selbstständigkeit groß geschrieben werden? Geht es Euch wirklich um die Kinder, oder führt hier in erster Linie der (verständliche) Mutter-/Elternstolz Regie? Bitte geht da mal ganz schonungslos ehrlich und selbstkritisch in Euch. Ich habe das getan.

Kinderfotos wären schön – so wie Ohrringe

Ein Blog mit Kinderfotos wäre schön. Natürlich wäre es das! Für mich, für meine Leser – aber eben nicht für meine Kinder. Die haben gar nichts davon! Das Ganze würde nur mir selbst dienen. Meinem eigenen Ego (schaut mal, was ich für süße Kinder habe!) und meinen Besucherzahlen (ein Blog mit Kinderfotos schaut man sich immer gerne an, oder?). Da es aber auch sonst für mich immer in erster Linie um das Wohlergehen meiner Kinder geht und ich versuche, sie mit Wertschätzung zu erziehen und sie als eigene Personen zu betrachten, mit eigenen Meinungen, Interessen, Abneigungen und eben auch eigenen Persönlichkeitsrechten, gibt es also bei mir keine Kinderfotos, oder nur sehr selten nicht erkennbare. Und keine Namen oder persönliche Berichte. Meine Kinder sollen irgendwann, wenn sie alt genug sind, selber bestimmen können, ob und wie sie sich im Netz präsentieren wollen (und nicht stinkesauer auf uns sein, dass wir ihnen diese – nicht rückgängig machbare – Entscheidung abgenommen haben). Genauso wie wir ihnen keine Ohrlöcher stechen lassen, überlassen wir ihnen auch hier die Entscheidung selber. In der Hoffnung, dass sie sich zu selbstbestimmten Individuen entwickeln, die nicht immer auf den Mainstream-Zug aufspringen. Dass sie auch mal Kürbissuppe statt Nudeln wählen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Kinderfotos im Netz?

  1. Ich finde es so gut, dass das Thema immer wieder aufkommt. Wir haben damals schon vor der Geburt beschlossen, dass der Miniheld unerkannt bleiben soll. Berichten ja. Meist tue ich das aber erst im Nachinein, damit man nicht immer auf den neuesten Stand ist,w o wir uns gerade befinden. Sei es nun Ausflug, Urlaub oder sonstw as…

    Für uns war aber vor allem der Aspekt: Das Internet vergisst nun mal nie, am Wichtigsten. Mein Kind kann noch nicht mitreden, kennt die Ausmaße noch nicht und ich finde es nicht in Ordnung Fotos von ihm zu verbreiten, die ich später nicht wieder zurück nehmen kann. Woher weiß ich heute, was es später davon halten wird, dass ich es mit Gesicht und Tiermütze gezeigt habe. GESICHT wird immer unkenntlich gemacht bei uns und zwar mit mehr als nur einem Smiley oder schwarzem Balken, nach Möglichkeit ganz aus dem Bild weggelassen. Die Hand oder Beine können die Geschichte in Szene gesetzt genauso gut erzählen. Ich möchte mein Kind in dieser Hinsicht respektieren und ihm die Möglichkeit geben später selber zu entscheiden, in welchem Ausmaß es sich dem Internet Preis geben möchte.
    Pädophile klar…irgendwie auch ein Teil der Begründung, aber für uns stand vor allem die Selbstbestimmung und der Respekt vor der Privatsphäre im Vordergrund und ich finde es schade, dass ich teilweise den eigenen Familienmitgliedern in der Hinsicht oft immer wieder sagen musste, dass sie mein Kind nicht einfach überall auf allen Kanälen rumzeigen sollen…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s