Heute mit Saskia von Essential Unfairness zum Thema „Kinder stark machen gegen Grenzverletzungen“ (Gastbeitrag)

Saskia hat sich in ihrem Leben bereits viel beschäftigt mit dem Thema sexualisierte Gewalt und dazu vor Kurzem auch einen Präventionskurs absolviert, dessen Inhalt sie in einem sehr lesenswerten Beitrag verbloggt hat. Sie ist heute die Expertin für folgendes Problem:

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin. Sie erzählte, dass ihre vierjährige Tochter Körperkontakt nicht möge, nicht geküsst oder gedrückt werden möchte – meist auch nicht von den Eltern. Sie schilderte weiter, dass der Vater die Grenzen des Kindes nicht respektiere, während sie selbst, die Mutter, immer frage, ob sie dem Mädchen einen Kuss geben dürfe und ein Nein dann einfach akzeptiere. Der Vater aber drücke und küsse das Mädchen, sobald er abends nach Hause komme. Er fände die Grenzsetzung übertrieben. Das Mädchen protestiert dann und wehrt sich. Zärtlichkeiten der Mutter nimmt das Kind häufiger an als die des Vaters.

Anni fragt…

sollte der Vater das ‚Nein‘ des Kindes respektieren? Was hat das Beispiel mit sexualisierter Gewalt zu tun? Der Vater will dem Mädchen doch nichts Böses tun…

Die Antwort von Saskia

Hier besteht eine klare Grenzverletzung. Ein vierjähriges Mädchen kann bereits sehr gut auf seine Grenzen achten. Es genießt Nähe nur dann wirklich, wenn es diese auch wünscht. Küsst oder drückt jemand das Kind gegen dessen Willen, verteidigt es seine Grenzen deutlich. Jedes Kind (und auch jeder erwachsene Mensch) hat das Recht zu entscheiden, wer es berührt, drückt oder küsst und zu welchem Zeitpunkt. Dies gehört zum Recht auf körperliche Unversehrtheit und ist Teil der Persönlichkeitsrechte eines Menschen. Natürlich verletzt oder misshandelt er das Kind nicht stark. Aber er trifft durch sein Verhalten dem Kind gegenüber eine Aussage und prägt es dadurch – das erkläre ich gleich.

Ebenso, wie uns Erwachsene niemand einfach küssen darf – auch nicht der Partner oder die Partnerin – so darf man auch Kinder nicht küssen, wann es einem passt. Man stelle sich Letzteres einfach mal situativ vor: Die Partnerin kommt nach Hause, der Mann steht in der Küche und sie umarmt ihn fest, beginnt, ihn ins Gesicht zu küssen. Er sagt, dass er das nicht möchte, doch sie hört nicht auf. Oder andersherum: Man sieht einen Bekannten, wie er seine Frau schnappt, drückt und küsst, während diese sich deutlich dagegen wehrt. Hier merkt man: Bei Kindern machen viele da einen Unterschied. Das hat mit dem Machtgefälle zu tun. Ein Kind gilt zudem als nicht so selbstbestimmt wie Erwachsene. Da „übersieht“ man schnell mal, dass es etwas nicht möchte. Auch, weil man gewohnt ist, dass Kinder sehr viele Wünsche äußern, laut werden und so weiter. Man hört einfach weg – oft, weil es wirklich ehrlich nervt, wenn jemand dauernd Wünsche äußert. Beim Süßigkeitenbetteln an der Supermarktkasse darf man vielleicht noch sagen: „Nein, das geht jetzt nicht“ und sich damit wieder dem Einkauf zuwenden. Aber wenn ein Kind sich gegen Zärtlichkeiten wehrt, dann gilt ein „Ich möchte das aber gerne so, weil es mir gut tut oder gefällt und du machst das jetzt gefälligst mit“ nicht.

Wieso nicht?

Weil es gerade bei Kindern maßgeblich wichtig ist, ihnen zu vermitteln, dass sie über ihren Körper entscheiden.

Das beschriebene Mädchen lernt in diesen Momenten nämlich Folgendes:

„Ich kann bei manchen Menschen Nein sagen und die respektieren das und andere tun das einfach nicht. Meine Grenzen scheinen nicht sicher geschützt zu sein. Vor allem nicht, wenn jemand körperlich stärker ist als ich. Da habe ich keine Chance.“

Das ist eigentlich nichts, was der Vater wirklich wünscht. Vermutlich ist er sich nicht bewusst, welche Auswirkungen sein Handeln haben könnte.
Zudem wird das Kind, wenn es Berührungen aufgedrängt bekommt, eventuell immer weniger Lust auf Berührungen durch den Vater haben. Er erreicht womöglich das Gegenteil des von ihm Gewünschten. Er wünscht sich vermutlich einen liebevollen Kontakt. Ich würde ihn vielleicht fragen, ob er sich wünscht, dass seine Tochter sich traut, Nein zu sagen, wenn ein Fremder sie gegen ihren Willen küsst. Wenn er dies bejaht – wovon auszugehen ist – wäre meine Antwort:

„Dann üben Sie es bitte mir ihr. Und zeigen Sie ihr, dass ein Nein eine starke Wirkung hat. Wird das Nein nicht einmal von einem geliebten Menschen respektiert, so muss das Kind ja befürchten, ein Fremder würde es ganz sicher nicht respektieren. Dann wird es resignieren und es gar nicht erst versuchen.“

Mögliche Gründe für das Verhalten des Vaters?

Vielleicht hat er als Kind ebenfalls keine kontinuierliche Grenzwahrung erfahren. Oder er könnte jemand sein, der gelernt hat, Zuneigung körperlich betont auszudrücken. Er könnte sehr sensibel auf Ablehnung reagieren und diese daher meiden, indem er auf die Zustimmung des Kindes nicht warten möchte. Vielleicht verletzt es ihn, dass die Tochter sich öfter der Mutter gegenüber zärtlich zeigt. Wobei dieses Wünschen und Zulassen von Nähe bereits eine positive Folge des Respektierens der kindlichen Grenzen sein könnte. Denn die Mutter wahrte ja die Grenzen, wie im Beispiel beschrieben.

Ich möchte mich aber nicht in der Analyse einer mir fremden Person ergehen. Ich kenne den Mann nicht und daher biete ich nur mögliche Gründe an. Natürlich könnte es sich auch ganz anders verhalten – ich möchte nur aufzeigen, welche möglichen Gründe vorliegen könnten, um das Thema zu beleuchten.

Wie macht man denn seine Kinder nun stark?

Das genannte Beispiel ist wunderbar geeignet, um dies zu erklären:

Kinder müssen lernen, ihre eigenen Grenzen zu spüren.

Hierbei geht es in der Folge nicht nur um Missbrauch durch andere Menschen. Man braucht diese Grenzwahrnehmung ein Leben lang. Jeder von uns. Man sollte spüren, was man braucht und was einem schadet.

Wir kennen das alle:

  • Eigentlich wollen wir abends nicht mehr weg und sind erschöpft, aber fühlen uns verpflichtet, weil wir verabredet sind. Und gehen hin. Manchmal haben wir dabei dann doch Spaß und denken uns: „Puh und da hast du dich vorher so angestellt.“ Das suggeriert uns, dass es gut ist, seine Grenzen zu überschreiten. Manchmal ist es das auch: Wir haben Lampenfieber, überwinden uns und fühlen uns dann hinterher stolz und erstarkt. Es gilt, sich selbst gut kennenzulernen.
  • Ein weiteres Beispiel: Eigentlich möchten wir nicht mit den anderen Müttern basteln, weil eine Ansammlung von Menschen zu sehr stresst, aber wir tun es dennoch.
  • Oder wir spüren, dass wir weniger Kuchen essen sollten, weil es anschließend in unserem Bauch rumpelt, aber wir essen ihn dennoch. Und es rumpelt.

Jeder hat fast täglich solche Erlebnisse. Gerade Frauen neigen dazu, über ihre Grenzen zu gehen, weil sie dazu erzogen werden. Weil andere Menschen eben einfach „wichtiger“ sind und weil die Bedürfnisse der eigenen Kinder ohnehin viel, viel wichtiger als die eigenen sind. Aber eine Mutter, die ihre Bedürfnisse komplett unterordnet, ist ebenso ein Vorbild wie alle anderen. Und so lernen die Kinder (wegen des Rollenvorbilds am meisten dann die Töchter), ihre Grenzen zu übergehen und übergehen zu lassen. Sich aufzuopfern gilt für Mütter als etwas Heldenhaftes – es wird zugleich auch erwartet. Dann wundern sich alle Seiten über so viele Frauen und Mütter mit Burnout, Depressionen und Angsterkrankungen. Menschen, die Grenzen setzen und diese halten, leiden viel seltener an solchen Beeinträchtigungen und Erkrankungen. Wenn wir uns selbst liebevoll behandeln, dann können unsere Kinder das von uns lernen.

An diesen Ausführungen sieht man, wie weitgreifend dieses Thema im Grunde genommen ist.

Was sind die Leitsätze klassischer Prävention?

Kinder sollen spüren dürfen, was sich gut anfühlt und über sich selbst bestimmen. Wichtige Hinweise für die Prävention, die man Kindern mitgeben kann sind folgende:

  • Manches fühlt sich gut an, manches schlecht und manches „komisch“. Es ist dann wie gut und schlecht zugleich. Dieses Gefühl muss man nicht aushalten. Man kann die Situation verlassen, die einem das komische Gefühl macht. Und auch jemandem davon erzählen.
  • Jeder Mensch darf entscheiden, ob er angefasst werden will oder nicht. Ganz gleich wie alt er ist, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist. Er darf sagen, wenn er das nicht möchte und sich notfalls Hilfe holen, wenn dies nicht eingehalten wird.
  • Wenn man ein Geheimnis teilt, dann kann sich das schön anfühlen, weil zum Beispiel ein anderes Kind einem so sehr vertraut, dass es einem etwas Geheimes erzählt. Es gibt aber auch schlechte Geheimnisse. Wenn man solche Geheimnisse hat oder teilt, fühlt man sich nicht gut. Diese darf man dann jemandem erzählen. Das ist dann kein Petzen.
  • Man darf immer „Nein“ sagen, wenn etwas schlechte Gefühle verursacht. Ganz egal, wer diese Gefühle verursacht – das gilt auch, wenn man denjenigen kennt und liebhat.

Diese vier Punkte sind ganz elementar für Kinder. Und sollten in die Erziehung mit einfließen, ebenso wie wir unseren Kindern das Zähneputzen beibringen, ihnen erklären, dass man Bitte und Danke sagt oder wie man die Grenzen anderer Menschen respektiert.

Wenn meine Grenzen respektiert werden, dann wahre ich auch die Grenzen anderer Menschen. Das ist ein wichtiges Element eines gesunden Umgangs miteinander.

Vielen Dank, Saskia!

Müttern fällt es oftmals schwer, sich Hilfe zu suchen und um Rat zu bitten. In dieser neuen Rubrik, geht es um Fragen und/oder Probleme rund um Kinder und Familien die mir entweder persönlich oder in meinem Umfeld begegnen. Die Blogosphäre ist voll von Experten bestimmter Bereiche. Menschen, die entweder beruflich oder aufgrund persönlicher Erfahrungen über bestimmte Dinge viel besser Bescheid wissen als man selber. Warum also nicht einfach mal fragen? #Annifragt

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4 Gedanken zu “Anni fragt…

  1. Hat dies auf Essential Unfairness rebloggt und kommentierte:
    Unter der Rubrik „Anni fragt …“ gibt es auf dem Blog Marmeladenschuh Lesenswertes zu verschiedenen Themen. Immer steht eine Fragestellung am Anfang und Anni lässt diese dann durch jemanden beantworten, den sie im Vorfeld als Expert*in auswählt.

    Das können fachkundige Experten sein oder einfach erfahrene Eltern (ebenfalls fachkundige Experten :D)

    Heute wurde veröffentlicht, was ich zum Thema „Prävention vor sexuellem Missbrauch“ antworten durfte.

    Bei Interesse einfach zu Anni ‚rüberhüpfen 🙂

    Gefällt mir

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