Erinnert Ihr Euch auch? Es gab mal Zeiten, da roch eine Autofahrt nach Freiheit und das Auto war unser Refugium. Autokino. Sex auf der Rückbank. Einfach durch die Gegend fahren. Spontan morgens nach Holland ans Meer und abends zurück. Einen coolen Jeep im Urlaub mieten und mit ihm (unerlaubterweise) von den Wegen abfahren, über Sand und Steine – mal testen, was der mit seinem Vierradantrieb so kann. Oder diese völlig bekloppte Aktion in der Türkei: Einen sehr alten, aber schönen, Jeep mieten, der offiziell gar nicht zu mieten ist, und bei dem die Bremsen nicht richtig funktionieren und mit ihm über die Bergstraßen fahren, in der Hoffnung dass man keine Vollbremsung hinlegen muss… Ja, so risikobereit waren wir mal. Wir hatten viel Glück dabei – und sehr viel Spaß!

Und heute?

Ich muss Euch nix erzählen über Familienkutschen, Kindersitze und Spießigkeit – Ihr kennt das alles… Doch das ist nicht der Hauptgrund dafür, dass der Spaß flöten gegangen ist. Es ist eher die Tatsache, dass es eben meist kein Zuckerschlecken ist, zu fünft auf so engem Raum eingesperrt zu sein. Aber lest selbst…

Der Horrortrip oder Ausflug zum Abgewöhnen

Zum besseren Lesbarkeit des folgenden Textes sind die verbalen Auswüchse der beteiligten Personen farblich gekennzeichnet:
Anni (meine Wenigkeit) ist rot
Herr S. blau
Der Erste (6 Jahre) grün
Die Zweite (4 Jahre) lila
Die Dritte (6 Wochen) rosa

Vorab muss ich sagen, dass wir es selber Schuld waren, weil uns gleich zwei Anfängerfehler passiert sind: Nichts zu essen dabei und den Zeitpunkt der Übermüdung weit überschritten. Aber von vorn.

Ein Ausflug in den Frankfurter Zoo liegt hinter uns – der erste größere Ausflug seit der Geburt von Nr. 3 vor sechs Wochen. Es ist 16:30 Uhr als wir den Zoo verlassen. Alle haben Riesenhunger, da wir uns bisher nur mit ein bisschen Fruchtschnitte und einem Eis bei Laune gehalten haben und wir beschließen, zu McD. zu fahren. Die Zweite ist bereits ganz schön müde und wird langsam nölig, nachdem bereits ein ausgewachsener Wutanfall hinter ihr liegt, der mir die Schamesröte ins Gesicht getrieben und meinen Blutdruck auf ein gefährliches Maß erhöht hatte. Es melden sich bereits erste Zweifel, ob es eine super gute Idee war, erst so spät zu essen, bzw. noch was zu Essen zu besorgen, statt gleich zu Müsli und Butterbrot nach Hause zu fahren. Doch noch sind wir guter Dinge.

Endlich sitzen wir im Auto. Drei Kinder sind angeschnallt, der Kinderwagen verstaut und alles andere was man so mit sich rumschleppt ebenfalls. Das Baby schläft. Es kann losgehen. Ich atme tief durch.

Mama, ich hab sooo Hunger!
Haben wir noch Fruchtschnitte?
Ich will keine Fruchtschnitte!!! Fruchtschnitte ist eklig!!!
Ich habe auch gar keine mehr. Wir fahren zu McD.
Gleichzeitig: Yeaaahh! Nein! Das dauert mir zu lange! Ich will jetzt was essen!
Ich habe aber nichts! Wir sind ja gleich da.
Habt ihr euch schon überlegt, was ihr haben wollt?
Gleichzeitig: NIX! Chicken Nuggets!
Wie nix? Ich dachte, du hast Hunger?
Aber nur auf Süßigkeiten!
Jetzt gibt es nichts Süßes. Wir essen gleich was Richtiges! Ich weiß im selben Moment, wie bescheuert das war, was ich gesagt habe und denke kurz an die Mutter, die eben im Zoo ihrem wütenden, eishabenwollenden Kind zugeraunt hat „nein, es gibt jetzt kein Eis, wir essen was Richtiges zu Mittag“ (während meine Kinder mit ihrem Eis danebenstanden). Und ihr Kind „Nein, ich will nichts Richtiges!“ Und sie, ganz leise und verschwörerisch (aber ich habe gute Ohren): „Auch keine Pommes?“
Chicken Nuggets! Und Pommes!
Ich will aber!
Welches Tier hat Euch denn im Zoo am besten gefallen?
Ich griemel in mich hinein und springe meinem Mann bei:
Ich fand den Gorilla cool!
Den Schimpansen, der auf die Leute runtergepinkelt hat!
Hahahahaha!
Ja, der war wohl etwas genervt, von den doofen Menschen die vor seiner Nase rumgehampelt haben.
Ich habe sooo Hunger!
Ich will Chicken Nuggets. Und Pommes! Und saure Soße!
Jaaa, Sauersoße!
Haha, die Zweite hat Sauersoße gesagt!
Ich will auch Schickenugts mit Sauersoße!
Hahahaha…
Ja, ihr bekommt beide Chicken Nuggets mit saurer Soße.
Hahaha…
Das ist nicht witzig!
Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu! (Für alle Nichtkenner: Das ist ein angeblich afrikanisches Lied, dass er in der Schule gelernt hat und ständig singt)
Also ICH fand ja das Nashorn toll!
Ich verdrehe die Augen.
Ich will auch Pommes!
Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!

Und so ging das noch eine Weile weiter, bis zum erlösenden Moment:
DA! Da ist das gelbe M!
Wir machen Drive-In, oder?
Ja klar, das Baby schläft auch gerade…
Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!
Wir erreichen das Reinsprechdings.
Und was willst Du?
Es knackt in der Leitung. „Guten Tag. Was möchten Sie bestellen?“
Hm, den Veggieburger und Pommes.
Ich will Chicken Nuggets mit saurer Soße! Und Pommes!
Ich auch! Sauersoße! Papa! Ich will Sauersoße! Und Schickenugts und Pommes!
Beide wiederholen ihr Anliegen noch mal lautstark.
RUUUHE!!! Wir haben’s kapiert! …
Zaghaft: „Hallo? Was möchten Sie bestellen bitte?“
Der Mann räuspert sich.
Ähm, einmal das Big Mäc Menü…
Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!
Mit Ketchup oder Mayo?
Ja.
Ketchup oder Mayo?
Äh, beides.
Was zu trinken?
Cola.
Papa! Ich will Apfelschorle!
Apfelschorle!
Drohender Blick von mir Richtung Rückbank.
Das Baby wird wach und fängt an zu schreien.
Wuääääääääh! Wuäääääääh!
Was noch?“
Zweimal das Kids-Menü mit Chicken Nuggets und saurer Soße. Und Apfelschorle.

Zweimal?
Ja.
Ketchup, Mayo?
Ketchup.
Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!
Wuääääääh. Wuäääääh!
Erster, hat das Baby den Nucki?
Ja, sie will ihn nicht.
ICH HAB SOOOO HUNGA!!! Ich will Sauersoße!
Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!
Hallo? Noch was?
Äh, einen Gemüseburger und Pommes mit Ketchup.
Getränk?
Fragender Blick vom Mann.
Cola Light.
Cola Light.
Wuääääääh, wuääääh!!!
Die Dritte ist zu laut!
Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!
Ich fange an, hektisch im Rucksack rumzuwühlen, suche das Portmonnaie heraus und das ganze Zeug um ein Fläschchen zuzubereiten.
Das war’s?
Ja.
Wir fahren einen Meter vor, vor uns staut es sich.
Ich hantiere mit Thermoskannen und Milchpulver.
Wuäääääh! Wuäääääh!
Wann kommt endlich die Sauersoße!?
Boah, ich hab sooo Hunger! Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!
Ruhe!!!
Das Fläschchen ist fertig, ich gebe es dem Ersten. Er füttert die Dritte.
Die Zweite seufzt: Endlich hat die aufgehört zu schreien…
Doch nicht lange, denn das Problem war bei ihr nicht der Hunger.
Wir rollen ans Fenster, es ist nur eins geöffnet – bezahlen und Futter kriegen in einem. Immerhin.
Wuääääääh! Wuäääääh!!!
Gibt’s jetzt was zu essen? Krieg ich Sauersoße?
Nicht, wenn Du jetzt nicht den Mund hältst!!!
Endlos: Tschabahu, dabalu, tschawuahuhulululu!
Wir rollen also wie eine Geräuschlawine auf das Fenster zu und ich sehe leichte Panik auf dem Gesicht des armen Servicemitarbeiters. Der Mann bezahlt, während die Kinder weiter wüten und wir kriegen unser Essen. Dann rollt die Geräuschlawine weiter Richtung Parkplatz. Der Mann steigt aus und beruhigt das Baby, während ich erst mal mit dem ganzen Zeug hantiere und alles verteile. Ich erspare Euch hier nun die genauen Details. Die Fastfood-Nichtverweigerer unter Euch kennen es: Platzprobleme, wo stellt man was ab? Auf den Boden fliegende Pommes. Ständiges „Ich will trinken / Wo ist der Ketchup? / Was ist das für ein Spielzeug? Was macht man damit?…

Der Mann und ich schlingen das Zeug in uns hinein.
Ich muss lachen.
Gut, dass wir zum Drive-in gefahren sind…
Schweigen.
Der Mann ist fertig und fährt weiter.
Ich sau mich voll mit Ketchup.
Plötzlich ein verzweifeltes:
Das ist AUSgelaufen!!!
Der Mann und ich gleichzeitig alarmiert:
WAS IST AUSGELAUFEN?
Verzweifelt: Die SAUERSOßE!!!


Und da passiert es: Ich werde wahnsinnig! Ich muss plötzlich furchtbar lachen.
Wuaaahahahaha!
Und kann nicht mehr aufhören. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich komme mir vor, wie in einer schlechten Familien-Comedy. Und stelle mir vor, wir hätten das Ganze gefilmt und würden es später noch mal anschauen. Wenn wir wieder aus Spaß und zur Entspannung im Auto unterwegs sind. Und uns trotzdem die Wehmut überkommt. Zum Abgewöhnen sozusagen…

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