Gestern bekam ich einen Blick in die Zukunft geschenkt. Und – ich sage vorweg – in eine gute Zukunft.

Wir haben Freunde besucht, die ebenfalls drei Kinder haben. Die beiden jüngsten sind etwa so alt wie unsere beiden ältesten. Und dann gibt es noch Mia*. Sie ist schon 14 Jahre alt, meine Freundin hat sie sehr früh bekommen. Als sie neulich bei uns waren, hat Mia sich durch unser Bücherregal gewühlt. Und dieses Mal durfte ich mir ihre Bücher anschauen. Und merkte schnell, mit welch riesiger Begeisterung dieses Mädchen bei der Sache ist, als sie mir den Inhalt aller Bücher erklärte. Und ich mich dabei kein bisschen langweilte, sondern mir am Ende einige auslieh, bzw. mir die Titel aufschrieb. Als ich sagte, dass ich ja immer mal selber ein Buch schreiben wollte, aber immer das Gefühl habe, keine neuen Ideen zu haben, holte sie eine Collage hervor, auf der sie ihre Buchidee festgehalten hatte. Die einzelnen Charaktere (inklusive Zeichnung, denn sie kann extrem großartig zeichnen!) und die Handlung der Geschichte. Und sie erzählte mir ihre Ideen. Mit einer Begeisterung die wohl nur eine Vierzehnjährige aufbringen kann. Und ich dachte nur „Krass! Das Mädel ist vierzehn! Und die Idee hört sich wirklich klasse an. Das könnte tatsächlich was werden…“ Und sie las mir noch einige Kurzgeschichten vor. Und ja – sie KANN schreiben! Eine Geschichte war eine Hausaufgabe für den Ethikunterricht. Bei dieser sollte sie sich in einen Jungen versetzen (Wenn ich ein Junge wäre…) Ihre Geschichte handelte davon, dass Jungs oft bevorzugt werden (können angeblich besser Naturwissenschaften, sind stärker, interessieren sich für Technik…). Und davon, dass auf der anderen Seite Mädchen oft nur lieb lächeln und mit den Wimpern klimpern müssen und alles ist gut. Wohingegen ein Junge, der mal etwas wilder spielt, gleich Schimpfe kriegt und scheinbar nichts richtig machen kann… Und ich dachte „Krass! Dass eine Vierzehnjährige diese Dinge schon so im Detail erkennt. Sie schon ein Verständnis von Genderrollen hat und ihr diese Ungerechtigkeiten so bewusst sind.“ Ich dachte an mein vierzehnjähriges Ich zurück. Ich habe das Gefühl, ich war noch viel mehr Kind. Viel weniger reflektiert…

Im Laufe des Abends erfuhr ich dann noch, dass sie und ihre Freundinnen gegenseitig Geschichten austauschen, darüber reden, sich Tipps geben usw. Und an einem Literaturwettbewerb in der Schule teilnehmen. Dass die meisten nicht auf E-Readern lesen, sondern Bücher in Papierform bevorzugen. U.a. weil sie es mögen, sie sich ins Regal zu stellen (z.B. auch bei Mangas, wo die Buchrücken der einzelnen Hefte ein großes Gesamtbild ergeben).

Ich erfuhr, dass es in ihrer Schulklasse gerade Trend ist, Rubiks Cubes zu lösen – diese bunten Zauberwürfel, die in den 70ern (?) angesagt waren. Dass es auf Youtube Videos dazu gibt, wie man verschiedene Muster hinbekommt. Und es Mitschüler gibt, die das in Höchstgeschwindigkeit hinbekommen.

Außerdem mag Mia keinen Alkohol – obwohl ihre Eltern sie probieren lassen würden. Doch das scheint (noch?) kein Thema für sie zu sein. Und somit tranken meine Freundin und ich dann denn Honig-Met-Wein alleine…

Meine Freundin muss sehr stolz auf ihre Tochter sein. Es muss ein gutes Gefühl sein, zu merken, dass man anscheinend vieles richtig gemacht hat. Und viele andere Eltern haben anscheinend auch vieles richtig gemacht. Vierzehnjährige die bei Alkohol die Nase rümpfen, die stundenlang lesen, die total kreativ sind, mega gut zeichnen, tolle Texte schreiben, zu Lesungen gehen, an Literaturwettbewerben teilnehmen. Oder die ihre Freizeit zum Teil damit verbringen, Zauberwürfel zu lösen. Die empathisch sind, selbstbewusst und reflektiert.

Es könnte schlimmer sein, oder? Die Jugend von heute ist toll! (Ausnahmen bestätigen immer die Regel) Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft. Wenn die Kinder all derer herangewachsen sind, die sich heute so viel Mühe mit der Erziehung geben. Die zugewandt sind, kameradschaftlich, wertschätzend. So wie meine Freundin, zu einer Zeit in der es den Begriff „Attachment Parenting“ dafür noch nicht gab.

Auch wenn ich selber mit vierzehn nicht so super war wie Mia, an eines kann ich mich seit gestern wieder sehr gut erinnern. Etwas das den meisten Erwachsenen irgendwann verloren geht: Das Gefühl, dass einem alle Türen offen stehen. Und das einen dazu motiviert, voller Enthusiasmus und Hingabe in einer Sache zu versinken, weil man fest daran glaubt, dass man alles schaffen kann.

Vielleicht gelingt es mir, das Gefühl der geöffneten Türen zurückzugewinnen. Oder mir gelingt ein neues Gefühl: Dass man geschlossene Türen auch jederzeit wieder aufstoßen kann.

Vielleicht tauche ich mal wieder ab in meine eigene Welt. Scheiß auf’s Erwachensein! Die Jugend sollte unser Vorbild sein!

Vielleicht schreibe ich ein Buch…

 

*Namen geändert

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7 Gedanken zu “Mein neues Vorbild: Die „Jugend von heute“

  1. Nach dem Lesen Deiner Beschreibung der „heutigen Jugend“ teile ich Deine Einschätzung sofort: Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, wenn diese jungen Menschen unsere Zukunft gestalten und können uns sogar freuen, auf das, was kommt :-).

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  2. Mit 18 dachte ich die Welt gehört mir. Die Zukunft war das große Ziel und alles schien möglich. Heute macht mir die Zukunft vor allem Angst, weil ich nicht weiss, was sie fuer meine Kinder bringt. Es ist schön, einmal ein positives Beispiel vor Augen geführt zu bekommen

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    1. Ich weiß, was du meinst… Ich glaube, der größte Unterschied zu meinem jugendlichen Ich besteht wirklich in diesem Gefühl, dass alles erst noch kommt. Alles möglich ist. Und im Gefühl frei von Ängsten zu sein. Sobald man Kinder hat, zieht auch die Sorge ein.

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  3. Nachdem meine Große kürzlich mit den Sätzen „Ich hab heute einen Jungen aus meinem Kindergarten(!) geküsst“ nach Hause kam, hab ich etwas Angst vor genau diesem Alter bekommen. Wenn man jedoch deine Zeilen liest freue ich mich auch darauf. Wenn die ehemals Kleinen plötzlich ganz eigenständig werden und man im besten Fall absoluten Stolz empfindet. Interessant wäre, wie viel von dem was dir die Tochter deiner Freundin erzählt hat, sie auch mit Ihrer Mutter teilt. 🙂

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    1. Liebe Lisa, interessante Frage. Die Mutter des Mädchens war die ganze Zeit dabei. Sie hat ihr auch dabei geholfen, die Collage zu gestalten. Sie unterstützt ihre Tochter in ihren Interessen und Träumen, nimmt sie ernst. Es ist vermutlich noch mal eine besondere Beziehung dadurch, dass sie sie so jung bekommen hat. Doch ich glaube darauf kommt es an: Dass man sein Kind ernst nimmt und zuhört. Nicht nur, während sie noch so klein sind. Dann erzählen sie vielleicht auch später noch davon, wenn sie einen Jungen geküsst haben 😉 Auf dass uns das gelingt!

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