Es ist nicht leicht für mich, diesen Text zu schreiben. Er ist ein Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit…

Wir Mamas – und vor allem auch die Mamabloggerinnen unter uns – tun ja gerne schon mal so, als hätten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen. Die Wahrheit ist, dass mir beim ersten Kind einige Anfängerfehler und sogar grobe Schnitzer passiert sind, die mich bis heute verfolgen. Und ich mich heute frage, warum ich bloß so reagiert habe, wie ich reagiert habe?

Es fing bereits im Krankenhaus nach der Geburt des Ersten an. In der zweiten Nacht hatten wir ein Zimmer für uns allein und ich bin zum ersten Mal seit der Geburt erschöpft eingeschlafen. Um etwa 1 Uhr nachts stand plötzlich die Kinderkrankenschwester neben meinem Bett und meinte, sie würde das Baby jetzt mal mitnehmen zum Hörscreening. Ich solle es in einer Stunde wieder abholen. Und ich dumme Kuh? Sagte ok… Im Nachhinein erinnere ich mich, dass sie erstaunt nachfragte „ja?“ Die ersten von Euch werden jetzt schon den Kopf schütteln – und Ihr habt Recht! Wie konnte ich nur?! Ich war jung, naiv und total übermüdet. Doch es kommt noch schlimmer. Nach etwa einer Stunde kam sie mit dem schreienden Baby zurück. Es hatte überall Sonden am Kopf kleben, war hochrot angelaufen, verkrampft am ganzen Körper und schrie wie am Spieß… Er hätte zu viel geschrieen, das habe nicht funktioniert, ich solle ihn in einer Stunde wiederbringen… Beim nächsten Mal blieb ich immerhin dabei. Ich weiß nicht, was mit mir los war, dass ich die Olle nicht sofort zusammengestaucht habe. Ich weiß nicht, was für Hormone mich geflutet hatten, dass ich dachte, das ist alles ganz normal so. Erst im Nachhinein bekam ich ein komisches Gefühl beim Gedanken daran. Vielleicht war das der Auftakt gewesen, für das was noch kommen sollte? Denn mein Sohn schrie. Wochenlang. Verkrampft und hochrot. Und ich denke bis heute immer mal wieder: Wer weiß, was die mit meinem Baby gemacht hat??? Schluck. Meine beiden Töchter jedenfalls ließ ich nach der Geburt keine Sekunde aus den Augen. Beide habe ich ambulant entbunden, sie kurz nach der Geburt nach Hause gebracht – in Sicherheit.

Trauma Fremdbetreuung

Der zweite grobe Schnitzer passierte mir etwa zwei Jahre später. Nach langer Suche hatten wir endlich einen Krippenplatz für den Ersten gefunden. Es war eine verzweifelte Suche gewesen und in mir wuchs die Angst den Anschluss im Job zu verlieren. Dem abfahrenden Zug nur noch müde hinterherwinken zu können.
An einem Tag kam ich früher zum Abholen. Alle Kinder waren noch im Essraum, auch die Erzieherin, die mich hereingelassen hatte, ging zurück in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Ich blieb mit dem Ersten alleine im dunklen Flur zurück. Auf dem Weg zu seinem Garderobenplatz kamen wir an den zwei Ausflugswagen vorbei (diese Wagen in die 6-8 (?) Kinder passen). Ich fing an den Ersten anzuziehen, als mir plötzlich auffiel, dass in dem einen Wagen ein Kind saß…! Es war angeschnallt und weinte still. Ich war total irritiert, fragte „was machst du denn da?“ Mein Sohn sagte etwas von „der war böse“ oder so, so genau weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls war klar, er sitzt dort zur Bestrafung!!! Irgendwann kam dann eine Erzieherin, holte ihn und meinte in meine Richtung, dass er ja einen totalen Wutanfall gehabt habe. Ich verließ die Krippe mit einem sehr mulmigen Gefühl – und schickte meinen Sohn weiterhin dort hin mit dem Unterschied, dass ich jeden Tag sehr explizite Fragen an ihn stellte. Und in meiner Naivität glaubte, das reiche aus, ihn zu schützen. Weil er ja sprachlich schon so weit war… Weil er mir das ja erzählen würde, wenn was wär… Ein halbes Jahr später wurde ein Kind mit Hämatomen am Oberkörper von seinen Eltern abgeholt. Und die waren nicht so dumm wie ich. Es kam heraus, dass auch dieses Kind im Wagen angeschnallt wurde. Beim Versuch sich zu befreien, hatte es sich diese Verletzungen zugefügt… Es kam noch Vieles mehr heraus in Richtung psychische Misshandlung. Zum Glück betraf es meinen Sohn nur peripher, doch es war schlimm genug. Ich habe wochenlang Rotz und Wasser geheult, Einzelheiten möchte ich Euch und auch mir an dieser Stelle ersparen. Ich merke beim Schreiben, wie mich das Ganze auch nach Jahren noch rasent vor Wut macht! Das Ende der Geschichte war, dass wir der Elternschaft von meiner Beobachtung berichtet haben (Endlich! Doch die meisten nahmen auch daraufhin ihr Kind nicht aus dieser Krippe…). Und dass ich mich auf dem Polizeipräsidium wiederfand, um meine Aussage dort zu Protokoll zu geben. Die Krippe gibt es noch immer. Nur die Leitung ist weg. Die neue Leitung haben zwei ErzieherInnen, die zuvor zumindest die Zustände toleriert haben – wenn auch vielleicht nicht aktiv daran beteiligt waren.

Durchatmen.

Diese beiden Erlebnisse haben etwas mit mir gemacht: Sie haben mir einen dicken Batzen Unbeschwertheit genommen, ein Fünkchen Fröhlichkeit und ein Stück Glaube an das Gute im Menschen. Die Angst wieder etwas falsch zu machen, ist mein ständiger Begleiter. Was für eine riesige Verantwortung ein Kind groß zu ziehen! Und bestimmte Entscheidungen mehr oder weniger allein treffen zu müssen – mit allen Konsequenzen die daran hängen. Das führt dazu, dass ich heute mitunter eine richtige Kackbratze sein kann. Wenn vom Hort „vergessen“ wurde, meinen Erstklässler an der Schule abzuholen, ist das kein Kavaliersdelikt – dann wird man ordentlich von mir zusammengeschissen! Dann gibt es Beschwerden an die Geschäftsstelle. Dann haben alle Angst, dass ihnen das mit meinem Kind noch mal passieren könnte. Und das ist gut so, sollen sie Angst haben! Sollen sie mich hinter meinem Rücken Helikoptermutti schimpfen. Mir egal, aber so ganz grobe Schnitzer sollen mir nie wieder passieren!

Mit jedem Kind mehr Kackbratze

Ich fürchte, der Erste hat die Arschkarte gezogen, er ist mein Versuchskaninchen. Derjenige der mich zur Mutter gemacht hat und mit dem ich bestimmte Erfahrungen zum ersten Mal machen musste. Die beiden Mädels profitieren von den gemachten Fehlern – auch im Kleineren. Wenn z.B. der Kinderarzt will, dass ich das Baby für die Blutabnahme auf die Liege lege, sage ich sehr bestimmt „Nein! Sie bleibt auf meinem Arm!“ Und dann ist völlig klar: Widerrede zwecklos… Das musste ich erst lernen. Heute habe ich als Mutter jedenfalls so viel Selbstbewusstsein und einen so großen Erfahrungsschatz, dass ich kein Problem damit habe, auch mal eine Kackbratze zu sein. Nicht jeder muss mich lieben – noch nicht mal mögen. Nur meine Kinder.

 

Übrigens: Ich liebe das Wort „Kackbratze“ 🙂 Und damit kein falscher Eindruck entsteht – ich bin eigentlich nett – echt jetzt. Und harmoniebedürftig. Nur nicht mehr in schädigender, übertriebener Art und Weise…

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9 Gedanken zu “Warum hab ich das nur gemacht? – Meine Entwicklung zur Kackbratze

  1. Ich finde es richtig gut, dass Du diese Erlebnisse mit anderen Müttern teilst. Ich bin nämlich der Meinung, dass viele Missstände in Krippen gar nicht aufgedeckt werden, weil die meisten Mütter viel zu sehr mit sich und ihrer Arbeit und ihrer Mehrfachbelastung beschäftigt sind. Als ich noch nicht arbeitete, konnte ich alles sehr genau beobachten und mir da eine Meinung bilden.

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  2. Ach ja, und ich kenne die möglichen Überlegungen einer Mutter ebenfalls sehr gut. Ist dieser Vorfall schon ausreichend, um sein Kind aus der Krippe zu nehmen? Ich muss doch wieder arbeiten, da kann ich doch nicht woanders eine Eingewöhnung machen etc. etc. Und diese ganzen Überlegungen von Müttern haben auch ihre Berechtigung, aufgrund bestimmter äußerer Zwänge. Ich habe mich in einer glücklicherweise weniger gravierenden Situation nun erst einmal dafür entschieden, meine Zweifel deutlich in der Kita zu artikulieren und jetzt bemühen sich alle ganz besonders um mein Kind 🙂 und es will nun sogar dableiben, wenn ich es abhole. Ich hoffe, das bleibt so. Dann hat es sich auch bei mir gelohnt, mal den Mund aufzumachen.

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    1. Gut so! Und vielen Dank für Deine netten Worte. Ich finde, man hat manchmal auch einfach Angst, dass eine Beschwerde auf das Kind zurückfällt. Und ja, man steht einfach oft sehr unter Druck, wenn man versucht, alles unter einen Hut zu bekommen und sich selber, neben dem Mamasein, nicht komplett zu verlieren. Trotzdem: Heute würde ich anders reagieren. Hätte ich das damals getan, wäre das Kind wohl nicht zu Schaden gekommen. Da mache ich mir große Vorwürfe 😦

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      1. Genau so ging es mir auch. Ich dachte, wenn ich etwas sage, dann bekommt mein Kind das eventuell als Lieblosigkeit im Umgang wieder zurück. Diese Angst ist sicher auch nicht unbegründet. Aber, das hätte ich dann wahrscheinlich auch mitbekommen, denn wenn mein Kind etwas nicht mag, dann sagt es mir das momentan glücklicherweise 🙂 ! immer laut und deutlich. Also, ich kann Dein Verhalten verstehen und ich glaube, die meisten hätten so gehandelt. Man ist eben schon ziemlich abhängig von der Kita, in vieler Hinsicht. Nun können wir anderen von Deinem Bericht lernen und sagen vielleicht auch mal eher etwas, wenn ein anderes Kind schlecht behandelt wird, dessen Mutter gerade nicht zugegen ist.

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  3. Ich finde es ebenfalls toll, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. In Sachen Kita werde ich so langsam etwas „sensibler“. In der Schwangerschaft dachte ich noch: „Na ja, hauptsache nah dran.“ Das hat sich jetzt geändert (auch wenn es noch etwas dauert).

    Im Krankenhaus habe ich auch nie widersprochen, wenn meine kleine Maus zum Hörtest oder für irgendetwas anderes mitgenommen wurde – konnte ich auch nicht, denn ich hatte einen Kaiserschnitt, der mich am Anfang noch extrem eingeschränkt hat (ich konnte kaum laufen). Ich bin aber auch nie auf die Idee gekommen, weil die Schwester, die Kiwi abholte, wirklich einen sehr liebevollen Eindruck machte und Kiwi immer schlafend und/oder zufrieden wiederkam. Nur ein mal war eine andere Schwester da und Kiwi kam weinend wieder.
    Da die Wahrscheinlichkeit 50/50 ist, dass es bei der nächsten Geburt wieder ein Kaiserschnitt werden muss, werde ich danach wohl alles daran setzen wieder so fit zu sein, dass ich mitkommen kann. Oder aber ich schicke meinen Mann mit, mal sehen.

    Sich so für das Kind einzusetzen ist sicherlich nicht falsch. Nach den Erfahrungen, die du gemacht hast, auch sehr verständlich. Ich kann manchmal auch echt biestig werden, bin aber im Grunde auch ganz nett 😉

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    1. Vielen Dank! Ja, man lernt mit der Zeit dazu. Manchmal sind die Umstände so, dass man auch keine andere Wahl hat – wie bei einem Kaiserschnitt. Da habe ich vor der 2. und 3. Geburt meinem Mann eingeschärft, dass er – egal was passiert – IMMER beim Kind bleibt. Da war ich echt traumatisiert… Ich wünsche Dir alles Gute und es ist nicht gesagt, dass es wieder ein KS werden wird, auch wenn Du bereits einen hattest. Liebe Grüße!

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  4. Danke für diesen tollen, ehrlichen Artikel! 🙂
    Ich kann das gut nachfühlen – wie ich in der Klinik behandelt worden bin und teilweise auch im Job und der Kita – das wurde mir oft erst im Nachhinein richtig bewusst. Dass ich bzw. wir uns eben nicht allem fügen müssen. Sondern dass an erster Stelle mein Bauchgefühl steht und dass ich darauf pochen muss. Zwar betrifft uns das in einem nicht so krassen Rahmen, wie es bei euch gewesen ist, aber ich verstehe das Prinzip.
    Ganz besonders mag ich deinen letzten Satz ❤

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    1. Vielen Dank! Ja, manchmal ist man erst mal zu perplex um wirklich zu reagieren. Und läuft dann rum mit so einem unbestimmten Gefühl, dass irgendwas komisch und nicht richtig war…
      Welchen letzten Satz meinst Du? Den kursiven oder nicht-kursiven?

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