Was ich an Jesper Juul mag, ist ja gleichzeitig das, was mich wahnsinnig macht: Da scheibt der Mann unglaublich wohlklingende und  kluge Dinge und lässt einen dann damit alleine. Keine konkreten Handlungsvorgaben. Keine Erklärung wie man denn nun das Kind abends liebevoll zum Zähneputzen bekommt oder ins Bett. Nix. Alles nur sehr vage. So nach dem Motto: So, da hast du’s! Und jetzt denk mal darüber nach! Und genau das habe ich getan.

leitwoelfe

Der Leitwolf als Vorbild
Mir gefällt das Motiv des Leitwolfes – führungsstark, klug und dennoch fair und liebevoll. So stellt Juul sich auch die Eltern als Leitwölfe der Familie vor und sagt, dass viele Eltern heute diese Rolle zu sehr den Kindern überlassen. Er plädiert dafür, wieder mehr zu Führen, statt, vor lauter Angst davor, etwas falsch zu machen und unpopuläre Entscheidungen zu treffen, Konflikten aus dem Weg zu gehen und den Kindern die Führung zu überlassen. Was dabei wichtig ist: Er meint damit nicht Machtausübung und Gehorsam – also ein Zurückkehren zur autoritären Erziehung. Sondern persönliche Autorität die nicht auf der Rolle der Mutter oder des Vaters beruht, sondern auf der eigenen Persönlichkeit, der Selbsterkenntnis und dem Selbstwertgefühl. Man soll sich also Respekt und Autorität bei den Kindern verschaffen, aufgrund des eigenen klaren, selbstbewussten und empathischen Verhaltens.

So weit so gut – da bin ich voll bei ihm.

Meine Kinder müssen Grenzen achten…
… so wie andere Menschen auch ihre Grenzen achten müssen!

Doch für Juul bedeutet Führung nicht, Grenzen zu setzen. Er sagt, Kinder brauchen keine Grenzen, sondern man sollte im Gegenteil die Grenzen von Kindern erkennen. Ähm, ja. Aber! Ich finde, das ist ein Geben und Nehmen. Ich setze auch Grenzen, weil ich das wichtig finde. Die Sache ist nämlich die: Ich habe selber auch Grenzen! Alle Mitmenschen haben die. Und manchmal kollidieren die eben mit den Wünschen und Bedürfnissen meiner Kinder. Da heißt es, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Und auch das lernen Kinder zuallererst innerhalb ihrer Familie.

Wir sollen also führen mit persönlicher Autorität (Selbstwertgefühl + Selbstbewusstsein + eigene Persönlichkeit) und gleichzeitig die Grenzen unserer Kinder erkennen. Außerdem nicht drohen, nicht verhandeln und nicht manipulieren durch Belohnung. Na, wenn’s sonst nichts ist… Ich brauche, um so etwas zu verstehen, ja immer konkrete Beispiele zur Veranschaulichung.

Wie bekomme ich jetzt also mein Kind ins Bett?
Alle Eltern kennen die Situation: Kind soll schlafen, Kind will aber  nicht. Und laut Juul mache ich eigentlich (fast) alles falsch. Oder etwa doch nicht?

Meine vierjährige Tochter schreit also „NEIN, ICH WILL NOCH NICHT INS BETT!!!“

Ich sage: „Doch, meine Süße. Es ist schon spät und morgen musst du wieder früh aufstehen.“ Töchterchen: „ICH BIN ABBA NOCH NICH MÜÜÜDE!“

Also sage ich: „Komm, dann lese ich dir noch ein kurzes Buch… STOP! Fehler: nicht verhandeln! Ähm „Es gibt keine Diskussion! Du gehst sofort… STOP! Fehler: zu autoritär! Ok, Moment. Wie wäre es mit „Wenn du dich jetzt hinlegst, dann…“ STOP! Fehler: Manipulation.

Jede und jeder im Rudel zählt

ICH also auch – und ich bin müde und geschafft vom Tag und möchte jetzt Feierabend. Aber auch meine Kinder und ihre Bedürfnisse zählen. Darum verhandel ich durchaus, denn ich bin der Meinung, dass auch das Aushandeln von Kompromissen durchaus zur Kooperation führen können, solange man klar kommuniziert. „Ich lese noch EIN EINZIGES Kapitel und dann gehst Du ins Bett. Versprochen?“ Kompromisse zu finden ist eine Fähigkeit, die meine Kinder später im Leben brauchen werden. Und wenn doch alles nichts hilft, dann gibt es für mich zwei Möglichkeiten:

1. Ich habe das Gefühl, dass meine Tochter noch nicht abschließen kann, sie vielleiht noch etwas beschäftigt, oder sie kuschelbedürftig ist. Ich bleibe noch, solange bis sie zur Ruhe gekommen ist. Vielleicht hat sie noch Redebedarf, will aus dem Kindergarten erzählen, das macht sie oft abends im Bett. Ich mache aber klar, dass ich nur kurz bleibe, weil ich auch sehr müde bin und jetzt meine Ruhe haben will. Ich erkläre, dass ich dann rausgehe und die Tür noch offen lasse.

2. Ich habe das Gefühl, dass kein dringendes Bedürfnis vorhanden ist, sondern reine Übermüdung, Trotz, Unlust und das Austesten von Grenzen. Dann sage ich mit Leitwölfin-Stimme, die keine Widerrede zulässt vielleicht so etwas wie „Ich bin müde, ich bin k.o, ich will jetzt auch meine Ruhe haben. Ich will, dass du jetzt sofort ins Bett gehst! Los, zackibumbacki, hoch mit dir! Ich lasse die Tür noch auf und das Licht im Flur an.“

Erkenne ich die Wünsche und Bedürfnisse meiner Tochter in dem Moment richtig, funktioniert in der Regel beides, je nach Situation und das zu Bett bringen läuft relativ ruhig und harmonisch ab.

Ist das richtig, Herr Juul?
Tja, ist das jetzt richtig, ist das falsch? Was würde Juul dazu sagen?

Wisst Ihr was? Eigentlich ist es mir egal… Will sagen, ich mache es so, wie ICH es für richtig halte. Und das Witzige daran ist, dass das laut Juul wohl genau das Richtige ist und das, was er mit persönlicher Autorität meint. Selbstvertrauen + Selbstwertgefühl + Selbsterkenntnis + Selbstachtung + Fähigkeit eigene Werte und Grenzen ernst zu nehmen, „ohne uns aufzublasen“ + Empathie und Respekt vor anderen.

Ich glaube ja, ich kriege das ganz gut hin, „Beziehung vor Erziehung“ und so. Und ich finde, wenn ich auf das Kuschel- oder Erzählbedürfnis meines Kindes eingehe, dann bin ich in dem Moment empathisch, habe aber dennoch auch noch mein eigenens Ruhebedürfnis und muss darum einen Kompromiss mit meinem Kind finden. Das geht nicht ohne zu verhandeln.

Gut genug ist das neue perfekt
Die Krux an der ganzen Sache ist ja vermutlich die: Eltern, die dringend mal einen Ratgeber zur Hand nehmen sollten, tun das in der Regel eher nicht. Und Eltern die im Großen und Ganzen ohnehin eine gute Atmosphäre zu Hause und eine gute Beziehung zu ihren Kindern aufbauen k0nnten, brauchen sie in der Regel nicht wirklich. Dennoch kann es hilfreich sein, manchmal das eigene Verhalten zu reflektieren. Schaden tut es jedenfalls nicht – solange man es nicht allzu ernst nimmt. Und für’s Erste werde ich vorläufig keine Ratgeber mehr zur Hand nehmen, denn:

Ich bin als Mutter gut genug – und das ist auch laut Jesper Juul völlig ausreichend.

 

Die MyToys-Redaktion hat mir im Rahmen ihrer Blogparade freundlicherweise das Buch „Leitwölfe sein“ von Jesper Juul kostenlos zur Verfügung gestellt. Und da dachte ich mir, versuche ich es noch mal mit einem Erziehungsratgeber. Um die mache ich sonst nämlich einen großen Bogen – und das obwohl ich sogar drei Jahre Erzieherausbildung genossen habe, also durchaus interessiert bin an pädagogischen Theorien. Das Problem ist  nur, das Erziehungsratgeber bei mir immer so einen fahlen Beigeschmack hinterlassen. Schaut doch mal vorbei und lest nach, was andere von dem Buch halten. Auch bei Dani von „Glucke und so“ gibt es eine Liste weiterer Teilnehmer.

Advertisements

7 Gedanken zu “Gedanken zu Jesper Juuls „Leitwölfe sein“

  1. Ist n bisschen wie die Bibel lesen. 😀
    Ich glaube, was der gute Herr Juul sagen will ist genau das, was du am Ende sagst. Nicht so viel drüber nachdenken und einfach aus dem Bauch heraus machen. Ich lege ihn grundsätzlich so aus, dass er Denkanstöße gibt und man dann damit das für sich richtige macht. Ein konstruierter Erziehungsgedanke ist meistens nicht gut. Wenn man also die ganzen angesprochenen Dinge, wie Verhandeln, Grenzen setzten etc als Konstrukt im Kopf hat, reagiert man in jeder Situation total verkrampft und eben nicht emphatisch.
    Ansonsten muss man auch sehen, wen man da vor sich hat. Das eine Kind braucht direktere Ansagen, das andere muss die Dinge mal genauer besprechen und wieder ein anderes muss Vieles alleine entschieden können. Und wenn man seine persönliche Grenze steckt, dann ist das ein Grenzen setzten auf sehr natürliche Art. Der Grund für ein NEIN wird ja klar kommuniziert und ist für ein Kind erkennbar.

    Also nicht so viel Nachdenken und einfach mal machen. Wenn alle glücklich und zufrieden sind, dann ist auch alles richtig.

    Gefällt 1 Person

  2. Du hast Recht, Juul gibt keine konkreten Hinweise, wie man bestimmte Konfliktsituationen in der Praxis am besten löst. Allerdings muss ich gestehen, dass bisher kein Ratgeber zum „Thema wie bringe ich stressfrei mein Kind ins Bett“ geholfen hat. Im Endeffekt haben wir nun unsere persönliche Lösung gefunden, die im Moment für uns alle gut funktioniert. Wenn wir ein Gespür für unsere Kinder haben und auf sie eingehen, sind wir gute Eltern und brauchen keine Ratgeber. Da stimme ich mit dir überein. Alle Familienmitglieder müssen sich wohl fühlen.
    Für mich war aber Juuls Kernaussage, dass Kinder Führung brauchen, dennoch sehr treffend allerdings auf ganz anderen Gebieten.
    Ich kenne unzählige Eltern, deren Tagesablauf von ihrem Nachwuchs bestimmt wird. Die Kinder kennen kein Nein, wissen sich nicht zu benehmen, sie hauen und beißen, beschädigen fremdes Eigentum und die Eltern sitzen daneben und schauen weg oder gucken beschämt. Ich kann nicht verstehen, wie es soweit kommen konnte, dass Elten nicht eingreifen, weil sie keine Konflikte mit ihren Kindern austragen wollen. Das hat nichts mit Selbstentfaltung zu tun, sondern mit mangelnder Erziehung und Führung seitens der Eltern. Komplett fassungslos war ich, als ein Kind von Bekannten unseren Hund beworfen und gepetzt hat, die Eltern seelenruhig daneben saßen und keine Miene verzogen haben. Wir mussten eingreifen und dem fremdem Kind erklären, dass es damit aufhören soll, weil es dem Hund weh tut und es selbt ja auch nicht so behandelt werden möchte. Schon diese Aussage in einem netten Ton war für das Kind zu viel, es fing an zu weinen und Mama hat es in die Arme genommen. Um das Kind zu trösten sind sie dann als Belohnung anschließend ins McDonalds gefahren. Da fehlen mir einfach die Worte. Ich kenne Kinder, die, wenn sie mit den Eltern zu uns zu Besuch kommen, eine ganze Ikea-Tüte Spielzeug mitbringen, weil sie sich sonst weigern mitzugehen bzw. nicht in der Lage sind, sich anderweitig mit anderen Spielen zu beschäftigen. Hier fehlt in meinen Augen ganz klar elterliche Führung. Ich kenne widerum auch Erwachsene, die Opfer ihrer Erziehung sind und sich im Berufsleben nicht zurecht finden, weil sie mit Autorität und Führung nicht klar kommen. Überall ecken sie an, ertragen weder konstruktive Kritik noch Gegenwind. Auch da ist in meinen Augen etwas enorm schief gelaufen. Liebe Grüße Anna

    Gefällt 1 Person

    1. Stimmt, eine Gebrauchsanweisung kann es wohl nicht geben. Schade, das wäre so schön praktisch 😉 Situationen wie Du sie beschreibst, kenne ich auch. Das krasseste ist mir mal bei Bekannten passiert, da war die Dritte gerade mal 2 Wochen alt, also noch ganz „frisch“. Der fast 6-jährige Sohn unserer Bekannten war ziemlich unsanft mit ihr, hat ihr auf den Kopf gehauen. Kein Wort von den Eltern, nur ein mildes Lächeln und so Ausreden wie „das ist ja neu für ihn / er muss sich erst daran gewöhnen, wie man mit einem Baby umgeht“. Blabla. Er war fast 6 Jahre alt! Ich dachte echt, ich bin im falschen Film… Kinder brauchen Führung, das sehe ich genau so. Was für Erwachsene sollen sonst aus ihnen werden?

      Gefällt mir

  3. Liebe Anni,
    es sind wirklich viele Erziehungs-Maxime, die es zu beachten gilt.
    Allerdings ist genau der Punkt, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen, vielleicht sogar der Wichtigste von allen…

    Liebe Grüße
    Anja vom myToys-Blog

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s