Die Beziehung zwischen Eltern und Erziehern ist oft eine sehr spezielle. Verschiedenste Meinungen und Welten prallen hier aufeinander und schon oft gab es bei uns Diskussionen über’s Essen, Schlafen etc. Meist war es so, dass (obwohl unsere Kinder in einer Elterninitiative betreut werden, wir Eltern also Arbeitgeber sind) am Ende die Erzieher das letzte Wort behielten. Denn jede Diskussion kann man wunderbar beenden oder gleich im Keime ersticken, mit dem Satz „Aus pädagogischen Gründen machen wir Dieses oder Jenes so oder so (nicht)!“ Aus pädagogischen Gründen werden kaum Ausflüge gemacht, denn das ist für die Kleinsten zu viel. Aus pädagogischen Gründen werden im Sommer keine Eingewöhnungen gemacht (obwohl eine Mutter dadurch große organisatorische Probleme bekommt), denn zu diesem Zeitpunkt im Jahreslauf sind die Kinder „durch“ und brauchen eine Pause. Kochen sollen die Eltern für alle 23 Kinder und zusätzlich 4 Erwachsene, die aus pädagogischen Gründen mitessen – und zwar richtig, so dass sie satt werden.

Es gibt unzählige Beispiele und oft fragt man sich, geht es hier um die Kinder und deren Bedürfnisse, oder vielleicht doch eher um die Erzieher?

Ha! Das kann ich auch!
Die Wahrheit ist, ich kann das mittlerweile auch ganz gut. Ich kann mir wunderbar alles schönreden und immer alles total super begründen. Mit dem Argument „aus pädagogischen Gründen“ steht man immer gut da, selbst dann, wenn jemand anders eine andere Meinung hat. Denn immerhin zeigt man damit, dass man nicht einfach nur faul ist, sondern tatsächlich GRÜNDE hat, nachgedacht hat und irgendwie alles ja total Sinn ergibt.

Hobbies

„Die beste Frühförderung ist das freie Spiel!“

Meine Kinder sind nachmittags meist total unverplant: Keine Musikschule, kein Kinderturnen, kein Frühenglisch. Während andere ihre Kinder „fördern“, gibt es hier höchstens mal eine Spielverabredung. Der einzige feste Termin war für den Ersten bis vor Kurzem der samstägliche Schwimmkurs. Es war mir wichtig, dass er zumindest das Seepferdchen macht, bevor er Schwimmunterricht in der Schule bekommt. Das hat er  nun geschafft – Häkchen. Während andere also nachmittags ständig auf Achse sind und ihre Kinder von A nach B befördern, gehen wir nach Hause – manchmal auch auf den Spielplatz – und die Kinder spielen schön zusammen, oder streiten, oder manchmal langweilen sie sich auch.

Und ich sage mir (und anderen), das ist gut so. Ich mache das aus pädagogischen Gründen! Kinder müssen sich langweilen dürfen, das ist wichtig! Ich mache den Frühförderwahn nicht mit! Das sehe ich wirklich so, doch ich habe auch einfach keinen Bock auf das Hin- und Hergehetze mit drei Kindern… Vor allem für den Großen wird es aber langsam vielleicht Zeit, sich ein (!) Hobby aussuchen zu dürfen. Bis wir etwas gefunden haben, antworte ich jeder unsympathischen Kindergartenmutter auf ihr „Kinder brauchen ja auch Hobbies“ weiterhin mit bedeutungsschwerem Blick und besonderes nachdenklicher Tonlage „Ja, das ist die Frage, ob sie das brauchen…“ und murmle noch etwa von Frühförderwahn hinterher. Damit beendet man garantiert jede Diskussion und weitere Fragen, denn es ist klar, man hat – pädagogische Gründe!

Kinderzimmer ausmisten

„Die Kinder sehen ja vor lauter Wald die Bäume nicht!“

Diesen Satz sage ich des Öftern zu meinem Mann, der sich mit den Kindern solidarisiert, wenn mich mal wieder der Ausmistwahn packt. In schöner Regelmäßigkeit packe ich Kisten mit Autos, Playmobil und sonstigem Kleinzeuggedöns voll und verfrachte sie in den Keller. Oft habe ich mich zuvor durch Montessori- und Spielzeugfrei-Blogs geklickt und darüber einen Rappel beim Anblick unseres Kinderzimmers bekommen. Ich hasse die Unordnung dort! Immer wieder gibt es Diskussionen darüber mit meinem Mann, der das nicht schlimm findet. Und ich muss ehrlich sagen: Ich habe noch  nie wirklich einen negativen Effekt bemerkt, was das Spielverhalten der Kinder angeht, im Hinblick auf die Menge des Spielzeugs. Im Gegenteil: Nachdem im Kindergarten alles Spielzeug rausgeschmissen und durch Dinkelsäckchen und verlauste verfilzte Seile ersetzt wurde, war das zuvor so intensive und kreative Spiel des Ersten mit den Playmobilmännchen vorerst vorbei…

Es ist also die Unordnung die mich nervt… Aber das kann man wunderbar verstecken hinter pädagogischen Gründen wie „Weniger Spielzeug fördert die Kreativität und Konzentration“ und „Die Kinder sind überfordert und reizüberflutet von zu viel Spielzeug“.

 Kinderzimmer teilen

„Das fördert den Geschwisterzusammenhalt und die Fähigkeit zur Empathie und zum Teilen!“

Die Wahrheit vorweg: Wir sind Stadtmenschen. Und als solche haben wir ein Platzproblem, denn mit drei Kindern ist es extrem schwierig, eine 5-6-Zimmer-Wohnung in guter Lage zu finden. Die auch noch halbwegs bezahlbar ist. Außerdem liebe ich unser dreigeschossiges Hochbett und hatte immer die Vorstellung, dass alle drei Kinder darin schlafen – jeder auf seiner Ebene. Und da wir diese Wohnung, das Hochbett und das Viertel sehr mögen, schieben wir das Problem vor uns her… Aber das ist nicht so schlimm, denn aus pädagogischen Gründen ist es voll gut, dass wir nicht so viel Platz haben. Deshalb verstehen sich vermutlich auch unsere Kinder so gut und können so schön zusammen spielen…

Familienbett, Tragen, Essen & Co

Und dann gibt es da noch die üblichen Themen, die die Elternwelt spalten. Und auch hier ist es so, dass jeder seine Gründe für seine Entscheidungen hat. Alles kann immer pädagogisch begründet werden, wodurch sich die Pädagogik eigentlich selber aufhebt? Naja, ganz so weit würde ich nicht gehen, aber die Pädagogik ist eben keine Naturwissenschaft. Zu viele Faktoren spielen dort hinein, Menschen sind nicht 100%-ig berechenbar und zu wenig lässt sich die Validität bestimmter Theorien überprüfen. Und ich finde es wichtig, das immer im Hinterkopf zu behalten.

 Es ist oft schwer, eigene (Lebens-)Entscheidungen vor anderen zu verteidigen, denn es gibt Dinge, zu denen hat jeder irgendeine Meinung. Dann kann es helfen, „pädagogische“ Gründe vorzuschieben und damit einfach klar zu machen, dass man seine Entscheidungen durchaus durchdacht hat. Nebenbei führt dies bei einem selber zu einer positiveren Lebenseinstellung: Man gewöhnt sich an, in allem das Gute zu sehen. Dann ist das Glas immer halbvoll – und das schlechte Gewissen kleiner!

Fallen Euch noch mehr solche Dinge / Situationen ein, wo Ihr gerne „pädagogische“ Gründe vorschiebt?

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9 Gedanken zu “Aus „pädagogischen“ Gründen

  1. Ich weiß nicht, dass was du von der Elternini beschreibst hat nichts mit vorschieben zu tun. Manchmal sind die Kleinen so klein das Ausflüge nur bedingt möglich sind und Kochen gehört in der Regel zur elternini. Das die erzieher und Praktikanten da satt werden sollen finde ich normal und pädagogisch. Wenn man in pädagogischen Dingen nicht das letzte Wort behalten würde hätte man alle 3 Jahre Kurswechsel. Ich war selbst Mutter in einer Elternini nun arbeite ich dort und hoffe immer das die Eltern uns vertrauen……

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    1. Danke für Deinen Kommentar! Ich kann verstehen, dass das Skepsis bei Dir auslöst, zumal Du selber in dem Bereich tätig bist. Du kannst mir aber glauben, dass es um Dinge geht, die absolut machbar wären. Und wir reden auch nicht von wöchentlichen Ausflügen – noch nicht mal von monatlichen… Nach langem Ringen, waren sie nun endlich auf der ziemlich nahe gelegenen Kinder- und Jugendfarm, was die Kinder natürlich toll fanden. Viel Platz zum Toben und Tiere zum Streicheln und Füttern. Es ist auch so, dass es bei uns immer Eltern gäbe, die mitgehen und das Team unterstützen würden. Eben weil wir eine Elternini sind und sich alle verantwortlich fühlen, wir unserem Team natürlich auch nicht wer weiß was zumuten möchten.
      Und was das Kochen angeht: Ja, natürich gehört das dazu. Aber 23 Kinder + 4-5 Erwachsene, die sich richtig satt essen sollen??? Also ich kann solche Mengen nicht heranschaffen… Und in jedem anderen Beruf ist es auch völlig selbstverständlich, dass man sich sein Essen selber mitbringt oder sich in der Pause was holt. Wo wird man denn mitverköstigt? Allerdings verstehe ich hier den pädagogischen Hintergrund, dass alle gemeinsam am Tisch sitzen und das Gleiche essen sollen – völlig ok. Aber eben nur eine kleine Probiermenge…

      Das sind eben alles so Dinge bei der Elternini… Laaaangwierige Diskussionen werden da geführt. Neben den Pluspunkten, gibt es eben immer auch Minuspunkte. Schön, wenn solche Dinge bei Euch geregelt sind und alle zufrieden sind 🙂

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      1. Ist ja auch immer spannend mal einen Perspektivwechsel vorzunehmen Das mit den Ausflügen kann ich verstehen also deine kritik. Mit dem essen wird es schwieriger. Ich persönlich würde mir mein Essen zum Beispiel ganz gerne selbst mitnehmen, nicht weil es nicht schmeckt sondern ich mich gern vegan ernähren würde. Die Kinder finden das aber total komisch wenn man sein eigenes essen mitbringt. Wir zahlen im Übrigen für das Essen. Allerdings zugebenermaßen zu wenig. Man muss aber eben auch bedenken das Essenszeit Arbeitszeit ist. Meist eine von den Qualitätzeiten. Ich kenne keine Elternini bei der sich die erzieher das essen selbst mitbringen müssen. Wenn das für euch zu teuer wird müsste man irgendwas Neues aushandeln.

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  2. Ich habe meine Kinder auch nicht zu diversen Kursen geschleppt. Die Outdoor Nachmittagsprogramme waren der Spielplatz, oder mit Freunden/Familie etwas unternehmen. Dazwischen ist auch Langeweile mal gut, denn Langeweile fördert ja die Kreativität. (das war jetzt etwas pädagogisch wertvolles 🙂
    Mittlerweile sind sie erwachsen und haben kein Trauma davon dass sie nicht perfekt Flöte spielen können, und Englisch haben sie dann in der Schule sowieso gelernt.
    Mit lieben Grüßen
    andrea

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  3. Ich kann dich voll und ganz verstehen. Bin zwar selbst Pädagogin, aber meine Tochter erziehe ich nicht nach besonderen pädagogischen Konzepten oder dergleichen. Eine Mischung aus allem und vor allem instinktiv. Und mein Instinkt sagt mir, dass Kinder noch früh genug mit Druck und Hetze in Berührung kommen und da möchte ich, dass meine Tochter die Dinge machen darf, die ihr Spaß machen und nicht, die ich wichtig für sie empfinde. Und am meisten Spaß macht es ihr, mit ihren Freundinnen zu spielen, zu toben, zu basteln, sich Spiele auszudenken. Und dafür brauchen sie weder einen Kurs, noch uns Eltern. Das schaffen sie wunderbar unter sich.

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  4. Hallo, erst einmal danke für diesen ehrlichen Beitrag. Ich hab von Anfang bis zum Schluss jedes Wort gelesen, das kommt nicht häufig vor 🙂 Mit vielem kann ich mich als Mami identifizieren, aber eines muss ich hinzufügen: „… die Pädagogik ist eben keine Naturwissenschaft. Zu viele Faktoren spielen dort hinein, Menschen sind nicht 100%-ig berechenbar und zu wenig lässt sich die Validität bestimmter Theorien überprüfen. Und ich finde es wichtig, das immer im Hinterkopf zu behalten.“ Das ist natürlich schon richtig, aber die Wissenschaft kann uns trotzdem schon ganz schön viel sagen zum Thema Kinder. Psychologie, Anthropologie, Neurologie, Kognitionswissenschaften … die haben schon wichtige und vor allem fundierte Beiträge zu machen, die leider noch viel zu wenig gehört/gelesen/verbreitet werden. Ich arbeite daran, langsam aber stetig 😀 Alles Liebe, Bettina

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    1. Hallo und schön, dass Du mitliest 🙂 Du hast natürlich völlig Recht – die Wissenschaft liefert uns viele Erkenntnisse. Dennoch bleibt immer die Unberechenbarkeit des Menschen. Man kann nicht sagen, das funktioniert, wie beim Befüllen eines Glases: Wenn ich oben was Bestimmtes reinschütte, läuft unten was Bestimmtes raus. Nicht selten gibt es Geschwister, beide nicht weit vom Alter her auseinander, eng miteinander aufgewachsen, haben beide die gleiche Erziehung genossen und entwickeln sich zu völlig unterschiedlichen Menschen, die manchmal auch ihre Kindheit total unterschiedlich wahrgenommen haben. Es gibt Menschen, die haben traumatische Erfahrungen in der Kindheit gemacht: Der eine hat darunter sein Leben lang zu leiden und geht dran kaputt. Der andere hat aus irgendeinem Grund total viel Resilienz, steckt das weg und lässt es hinter sich. Spannendes Thema…

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      1. Spannendes Thema indertat. Gerade das mit den zwei Geschwisterkindern ist ja so eine Sache: also bei meinen war definitiv vom ersten Tag an ein klarer Unterschied in der Wesensart zu erkennen, geht ja, glaub ich, eh den meisten so. Und gleichzeitig hatte ich überhaupt nicht vor, bei der Zweiten groß was anders zu machen als bei der Ersten. Aber es vergeht kein Tag, an dem mir nicht bewusst ist, dass bei ihr vieles anders läuft. Sie muss öfter warten, öfter Dinge einfach mitmachen, öfter auf mich verzichten. Man kann beim Zweiten doch gar nicht alles genauso machen wie beim Ersten. Denn da ist schon ein anderes Kind da! Und selbst wenn die Eltern es schaffen würden, alles wirklich gleich zu machen, sind trotzdem die Voraussetzungen andere als beim Ersten. Es gibt nämlich auch ein Geschwisterchen, das Teil des Systems ist und zur Dynamik beiträgt. Also ich zweifle grundsätzlich an so Aussagen wie „genau die gleiche Erziehung genossen“. Vielleicht mal eine Idee für einen Post: nature or nurture? 🙂

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