Ich sitze auf einer Holzbank, es läuft Musik, von der Zeltkuppel fällt gleißend weißes Licht, es duftet nach Zuckerwatte und Popcorn, nach Abenteuer und Freiheit. Typischer Zirkusduft. Ich bin aufgeregt. Ich bin etwa sieben oder acht Jahre alt.

Boom – zurück in die Gegenwart. Ich bin 36 Jahre alt und habe wieder diesen unvergleichlichen Zirkusgeruch in der Nase. Und erinnere mich an die Faszination, die der Zirkus auf mich immer ausgeübt hat. Wie toll ständig herumzureisen, in Wohnwagen zu leben, Teil dieser Gemeinschaft zu sein, in der Manege zu stehen und nicht zur Schule zu müssen. Heute sehe ich allerdings auch die harte Seite dieses Lebens. Doch nun, an diesem Tag, war sie wieder da – die Faszination.

Denn heute sollte mein Sohn in der Manege stehen.

Heute mischten sich darum noch andere Gefühle unter die von damals: Ich wusste, hinter diesem Vorhang steht mein Sohn mit seinen Schulkameraden und starb wahrscheinlich fast vor Aufregung. Und ich fühlte mit ihm. Er hatte zwar nur einen kleinen Part, doch er stand im Rampenlicht. Er musste hinter diesem Vorhang hervortreten ins Licht und sich den Blicken stellen. Er, der immer ein so schüchternes und eher ängstliches Kind war. Der sich so schwer von mir trennen konnte. Mit dem ich kein Eltern-Kind-Turnen besuchen konnte. Der noch nie alleine irgendwo übernachten wollte.

Ich hatte ihn drei Stunden zuvor zuletzt gesehen und keine Ahnung, wie es ihm wohl gerade ging. Mein Mutterherz war bange und ich kämpfte mit den Tränen, als ich dort saß und mir die Größe dieses Schulprojektes klar wurde. Eine Woche lang hatten die Kinder täglich mit den Artisten des Mitmach-Zirkus‘ in der Schule geübt. Heute war die Gala-Vorstellung und das Zirkuszelt war brechend voll mit Eltern, Geschwistern, Omas, Opa und Freunden. Ein richtiges Zirkuszelt mit allem Drum und Dran – damit hatte ich so nicht gerechnet. Ich hatte Angst, dass es dem Ersten gerade nicht gut ging. Dass er Angst hatte.

Vorhang auf

Und dann ging es los, der Vorhang öffnete sich und da waren sie in ihren glitzernden Kostümen: Zauberer, Clowns, Bauchtänzerinnen, Fakire, Trapezkünstler usw. Sie sahen so toll aus und ich hatte Probleme meinen Sohn unter der Kostümierung zu erkennen. Nicht nur äußerlich. Er und seine Freunde hatten sichtlich Spaß an dem Spektakel und strotzten vor Selbstbewusstsein. Wenn mir das jemand vor fünf oder sechs Jahren erzählt hätte, ich hätte laut gelacht und ihm einen Vogel gezeigt. Wenn ich einen Blick in die Zukunft hätte werfen können, ich wäre so erleichtert gewesen! Ich hätte sicher sein können, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Dass es ok ist, alle Nachmittagsveranstaltungen zu streichen. Dass es gut ist, dass ich ihn nicht dränge, ihm die Zeit lasse, seine Schüchternheit Stück für Stück abzulegen. Dass es gut ist, dass ich versuche, seine Bedürfnisse immer zu erfüllen: Ihn zu tragen, wenn er es braucht. Ihn bei uns schlafen zu lassen, wenn er es braucht. Mich mit ihm zurückzuziehen, wenn er es braucht. Ihm alles zu geben, das er braucht. Ihn zu „verwöhnen“.

Ich hätte gewusst, dass all dies dazu führen würde, dass er sich zu diesem selbstbewussten, frechen Jungen entwickelte. Der Spaß daran haben würde, die Rampensau rauszulassen 🙂

So viel mehr als Zirkus

Es war eine tolle Vorstellung! Unglaublich was die Kinder in nur wenigen Tagen zu Stande gebracht hatten: Es wurde über Seile balanciert, am Trapez quer durch Zelt geschwungen, über Feuer gesprungen, gezaubert und auf dem Pferderücken voltigiert.

Doch dabei haben alle Kinder nebenher noch so viel mehr gelernt: An diesem Tag durften sie mal jemand anders sein, in eine andere Rolle schlüpfen, sich ausprobieren. Und einige durften über sich hinauswachsen. Auch Kinder die es sonst im Unterricht und im Leben vielleicht schwerer haben, denen Schlufächer wie Mathe oder Deutsch nicht so liegen und die gemobbt werden, konnten zeigen, was sonst noch so in ihnen steckt. Sie konnten gemäß ihrer Talente und Interessen wählen, was sie dem Publikum präsentieren wollten. Das übergewichtige, südländische Mädchen zum Beispiel, das beim Bauchtanz zeigen konnte, wie viel Rhythmus sie im Blut hat. Die soviel Stolz und Selbstbewusstsein ausstrahlte, dass alle Augen auf sie gerichtet waren – Wahnsinn! Applaus bekommen und auch von den Schulkameraden mit anderen Augen gesehen werden. Für die Kinder ein unbezahlbares Erlebnis.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Das ganze Leben ist ein Zirkus und bietet eine Fülle an Möglichkeiten. Wer möchte ich sein, was möchte ich tun? Durch welche Tür soll ich bloß gehen? Gut, wenn Kinder dann vorher schon einmal die Gelegenheit hatten, in eine völlig neue Rolle zu schlüpfen und zu merken: Hey, ich bin so viel mehr als Mathegenie oder Legastheniker, ich passe nicht nur in eine einzige Schublade… Es gibt noch viel mehr im Leben und in mir selbst, nicht nur schwarz-weiß. Das wahre, das eigentliche Leben beginnt erst nach der Schule und es ist bunt. Ich bin bunt und es sind viele Eigenschaften, die mich ausmachen.

Eine kleine Ahnung davon haben die Kinder in der Projektwoche erhalten und vielleicht gibt das dem Ein oder Anderen etwas Kraft, wenn das Leben sich mal wieder all zu sehr von seiner farblosen Seite zeigt und versucht, einen in eine bestimmte Schublade  zu pressen.

 

Vielen Dank an den Circus Jonny Casselly, den Ihr auch für Eure Einrichtung buchen könnt. Und dies ist übrigens keine bezahlte Werbung, kein sponsored Post, sondern einfach nur die echte Begeisterung einer Mutter!

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s