Mein Sohn liebt Fußball. Am liebsten trägt er sein Fußballtrikot, trifft sich mit Freunden auf dem Bolzplatz und tauscht seine Match Attax Fußball-Karten. Mein Sohn hat den Fußball bei der letzten WM entdeckt. Zuvor hatte er kein großes Interesse. Kein Wunder – mit zwei Eltern die Fußball überhaupt nicht mögen… Doch dann 2014 hat es ihn erwischt und seitdem ist der Fußball nicht mehr wegzudenken. Dementsprechend begeistert ist er über die EM. Und auch meine Twitter-Timeline fiebert bei den Spielen mit. Nur ich denke: Merkt denn keiner, dass Fußball wie Krieg ist – nur mit Ball?

Krieg auf dem Fußballfeld

Nur damit Ihr mich nicht falsch versteht: Ich will ja keinem den Spaß verderben – vor allem auch meinem Sohn nicht, der natürlich noch nicht in der Lage dazu ist, dass Ganze so zu reflektieren. Der noch nicht versteht, warum ich die Augen verdrehe, wenn er singt „Deutschland – DEUTSCHLAAAND!“ Warum ich nicht in die Euphorie mit einfallen kann, wenn er sagt „Mama, die Deutschen sind am BESTEN, oder? ODER? Die GEWINNEN bestimmt!“ Gänsehaut bei mir – aber keine von der guten Sorte.

Patriotismus? Nein danke!

Nation gegen Nation – wie ist das mit dem europäischen Gedanken vereinbar? (Das gilt im Übrigen auch für den Eurovision Song Contest – ein Relikt aus einer anderen Zeit. Und ich wunder mich immer wieder darüber, wer das eigentlich noch schaut). Sport / Musik wird zum Politikum. Ich sehe das vielleicht zu krass, aber echt jetzt. Da „kämpft“ Deutschland gegen Frankreich. Frankreich „kämpft“ gegen Italien usw. Jetzt kann man natürlich sagen, dass das bei anderen Sportarten auch so ist, Wettkampf gehört dazu und ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Der Unterschied ist diese totale Besessenheit, dieser überzogene Fanatismus und Patriotismus im Fußball. Selbst Männer der Ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz-Generation stehen, wenn „ihre“ Mannschaft verloren hat, heulend da, wie getretene Hunde. Weltschmerz! Überhaupt: „Unsere“ Jungs, „unsere“ Mannschaft, „wir“ haben gewonnen? Äh, also ICH nicht! Und ICH bin auch nicht Papst… Ich meine, es ist ja schön, dass Fußball in der Lage dazu ist, Emotionen freizusetzen. Aber ich denke immer nur: Es ist NUR Fußball… Steckt Eure Fahnen wieder ein und lasst Euer Deutschland-Gegröle, da wird mir schlecht bei. Kommt mal wieder runter, die Welt hat echt größere Probleme! Vor allem aktuell…

Die hässliche Seite des Fußballs

Wir leben in Zeiten riesiger Flüchtlingsströme und gleichzeitig gewinnt eine rechte Partei wie die AFD immer mehr Zulauf. Es scheint sehr viel mehr rechtes Gedankengut zu geben, als ich es in unserem Land mit seiner Geschichte für möglich gehalten hatte. Und dann schwenken wir während der EM die Deutschland-Fahne? Wie kann man das mit einer solchen Leichtigkeit tun? Patriotismus ist plötzlich gesellschaftsfähig. DEUTSCHLAND! Bis zum Nationalismus ist es von da nicht weit.
Und dann die Hooligans: Wenn ich schon bei einem Bundesligaspiel Darmstadt ’98 – Eintracht Frankfurt überlegen muss, ob ich meinen siebenjährigen Sohn ins Stadion lassen kann, oder ob das zu gefährlich ist, läuft doch da irgendetwas falsch, oder? Von den Gewaltausbrüchen während der aktuellen EM mal ganz zu schweigen. Wenn es zu Randale kommt, fragt man sich schon, was das denn bitte für Leute sind und wie man das seinem Kind erklären soll? Fußball ist immer auch irgendwie asozial… Nicht zuletzt auch wegen vieler Spieler selber…

Die „Helden“ unserer Kinder

Tja, auch hier vorweg die Relativierung: Natürlich gibt es Fußballer, die super sympathische, intelligente und moralisch einwandfreie Sportsmänner sind. Ich glaube ja, dass z.B. Philipp Lahm in diese Kategorie fällt. Wer weiß… ABER: Es gibt auch die anderen. Die selbstverliebten Machos die ihr Geld für Drogen, Frauen und Autos ausgeben. Die ständig rumrotzen und sich im Schritt kratzen. Die Sex mit Prostituierten haben (die noch nicht mal unbedingt volljährig sein müssen). Die keinen geraden Satz herausbekommen. Die besoffen Auto fahren und mit viel zu hoher Geschwindigkeit geblitzt werden. Vorbilder? Na, ich hoffe nicht! Und ihr erinnert Euch bestimmt an den Kopfstoß von Zidane? Was war bitte das? Welcher normale Mensch reagiert denn bitte so in einer Konfliktsituation? Mit. einem. KOPFSTOSS! Wie so’n Stier! Mein Mann kommentierte das dann schulterzuckend auch nur mit: „Der kommt halt aus der Gosse.“ Das sind also die Helden, zu denen unsere Kinder aufschauen…

Die EM also boykottieren?

So extrem bin ich nun auch nicht. Ich mag das ein oder andere Spiel auch schauen. Mehr wegen des Drumherums: Ein kühles Radler an einem lauen Sommerabend, man sitzt gemütlich bei einer Tüte Chips beisammen, vielleicht auch in einer größeren Gruppe. Das ist nett. Nicht wegen Fußball, sondern weil es einen zusammenbringt – einer der positiven Aspekte der Sache (denn ja, es gibt auch positive).
Der Hauptgrund aber ist mein Sohn. Er findet Fußball toll und ich muss nicht vollständig verstehen warum. Vielleicht mag er irgendwann auch Blasorchestermusik oder Xavier Naidoo. Als seine Mama ist es mein Job, ihn zu begleiten. Mich zu interessieren, ihm zuzuhören. Und auch zu erklären und ihm Vorbild zu sein: Mich für andere Mannschaften zu freuen, zu relativieren, zu hinterfragen. Zu sagen: „Die haben verdient gewonnen, sie waren einfach die ganze Zeit besser“. Oder wie bei der WM: „Das wäre so schön für die Brasilianer, weißt Du was da jetzt los wär, wenn die im eigenen Land gewinnen würden?“ Ihm Fairness und Empathie zu vermitteln. Und durchaus auch, warum sein „Deutschland, Deutschlaaand“ speziell für mich als Deutsche schwierig ist und warum ich das genau so wenig mag wie eine Fahne im Vorgarten.
Mein Sohn entscheidet selber, was er mag, aber es ist mein Job, ihm vorzuleben, immer alles kritisch zu hinterfragen. Und ich gebe die Hoffnung noch nicht ganz auf, ihn vielleicht eines Tages für Tennis oder das Reiten zu begeistern. Bis dahin organisiere ich weiterhin Fußball-Geburtstage, kaufe diese überteuerten beliebten Sammelkarten und er nimmt in den Sommerferien an Fußball-Camps teil. Aber eine Deutschland-Fahne am Fenster? Nein, sorry – darauf muss er verzichten. Kompromisse müssen sein.

Ich wünsche allen eine schöne und harmonische EM!

Passt auf Euch auf
Eure Anni

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