Noch ein Kuss, noch eine Umarmung, noch ein „pass auf dich auf“ und ein „viel Spaß“. Dann fällt die Tür ins Schloss und ich bin alleine. Schlagartig ist es ruhig in der Wohnung. Nach dem morgendlichen Krawall aus Klamottendiskussionen, verschütteten Gläsern, Geschwisterstreit, unzähligen Beeil-Dichs und Machmalweiters, Mama-Rufen und Dauergeplapper ist nun endlich – Stille. Eine Stille, die ich so erst als Mutter kennengelernt habe, eine Stille, die intensiver ist, als ich es jemals zuvor wahrgenommen habe.

Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. Nehme dieses Nicht-Hören ganz bewusst wahr und merke, wie mir etwas von den Schultern fällt, meine Nervenstränge sich entspannen. Erleichterung. Der Mama-Akku beginnt bereits sich aufzuladen.

Seltene Tage

Solche Tage sind derzeit nur eine ferne Erinnerung, denn mit Baby im Haus, gibt es für mich dieses „frei“ nicht mehr. Doch damals, mit Ida in der Krippe, oder dann später mit beiden Kindern im Kindergarten, da gab es eben manchmal diese ganz freien Tage. Es waren seltene Tage, die nicht nur kinder- und arbeitsfrei waren, sondern an denen es auch keine Arzttermine, Besorgungen oder sonstige Termine gab. Ich hatte den ganzen Tag Zeit. Ich sehne mich manchmal sehr danach, auch wenn ich weiß, dass mir diese Tage manchmal viel zu lang geworden waren.

Ferne Tage – Eine Erinnerung 

Ich gehe zuerst in die Küche und mache mir einen Kaffee. Setze mich mit ihm auf den Balkon, es wird ein schöner, sonniger Tag. Ich sitze einfach nur da, genieße den Augenblick und hänge meinen Gedanken nach. Hat Lennox eigentlich die Brotbox eingepackt? Und Ida hat heute Waldtag – hoffentlich passt sie gut auf mit den einfahrenden Straßenbahnen und hat nachher nicht wieder eine Zecke… Oje, ist das ein Martinshorn? Aus welcher Richtung kommt es? Hoffentlich ist nichts passiert… Meine Gedanken driften zu den Kindern ab.

Irgendwann gehe ich rein, um die Wohnung mal wieder ein bisschen zu Entchaosen. Beim Wäschefalten finde ich einen Kindersocken mit Loch und denke „Ach Mensch, Lennox! Du weißt doch, die sollst Du gleich in den Müll werfen und nicht in die Wäschebox!“ Und beim Aufräumen im Kinderzimmer finde ich unter einem Regal, ganz versteckt in der hintersten Ecke, das Armband mit der kleinen Fee dran das Ida schon so lange sucht. Sie hat es von der Schnullerfee bekommen und war so traurig, dass es weg ist. Ich freue mich, weil ich weiß, wie sehr sie sich freuen wird, lege es zusammen mit einem Herzsticker auf ihren Platz am Esstisch. Und ich spüre kurz dieses Ziehen in der Brust – Mutterliebe gepaart mit Vermissen.

Die komische Frau

Später mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Ich schlendere gemütlich durch den Park und komme am Spielplatz vorbei. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich denke an letztes Wochenende, wo die Kinder so versunken dort herumgematscht haben und irgendwann total nass und verdreckt waren. An diesem Tag, um diese Uhrzeit, ist der Spielplatz wie leergefegt und ich fühle mich seltsam fehl am Platze. Ich überquere ihn, denn er hat einen zweiten Zugang. Auch dort entlang geht es Richtung Stadt. An der hintersten Bank bleibe ich stehen und schaue drunter. Dort liegt noch immer das große Blatt, das Ida dort „versteckt“ hat. Sie wollte es wieder mitnehmen und hat es vergessen. Ich mache ein Foto mit meinem Smartphone. Das muss ich ihr erzählen!

In der Stadt angekommen, sehe ich einen Feuerwehreinsatz und denke: Wenn das Lennox sehen könnte! Der wäre begeistert! Ich mache zwei Fotos für ihn. Ich komme mir etwas wunderlich dabei vor: Eine erwachsene Frau, die ein Feuerwehrauto fotografiert. Ich möchte am liebsten zu jemandem sagen: „Das ist für meinen Sohn! Er liebt die Feuerwehr! Sehen Sie, hier an meiner Hand – da fehlt etwas. Da gehört eigentlich mein Sohn dran…“

Auf dem Nachhauseweg entdecke ich eine Mohnblume. Die mag Ida gerade so gerne. Ich pflücke sie und nehme sie mit. Dann entdecke ich einen Holunderbusch. Ich hatte Ida versprochen, dass wir Holunderblütensirup ansetzen. Also nutze ich die Gelegenheit, pflücke einige ab. Und ich möchte den Vorbeikommenden am liebsten sagen: „Ich habe eine kleine Tochter! Sie liebt Mohnblumen und Holunderblüten. Sie liebt alles Schöne auf der Welt und ist eine kleine Träumerin. Sie gehört eigentlich hier an meine andere Hand, sehen Sie? Sie und ihr Bruder fehlen heute. Sie fehlen mir heute. Heute ist nur ein Drittel von mir unterwegs, heute bin ich nicht vollständig.“

Eigentlich wollte ich mir eine neue Hose kaufen, doch ich komme nach Hause zurück mit drei T-Shirts und neuen Socken für Lennox und einer Hose und zwei paar Leggins für Ida. Immerhin: in der Buchhandlung habe ich mir ein neues Buch gekauft – neben zwei Büchern und einem Hörspiel für die Kinder.

Das elastische Band

Nachmittags um 13 Uhr denke ich: Und was jetzt? Ich könnte noch etwas schreiben, könnte telefonieren, lesen, mir eine Gesichtsmaske machen. Was zum Kuckuck habe ich denn gemacht, bevor ich Kinder hatte?! Da war ich ein völlig anderer Mensch. Ich habe das Gefühl, ich muss diese Zeit doch gefälligst nutzen und genießen…! Doch ich habe zu nichts Lust. Meine Arme sehnen sich nach den Kindern. Ich möchte hören, wie ihr Tag war, möchte Lennox vom Feuerwehreinsatz erzählen und Ida das Feenarmband zeigen. Dann möchte ich mit ihnen auf den Wasserspielplatz gehen, um ihn mit Leben zu füllen. Möchte zuschauen, wie sie rummatschen und sich Geschichten ausdenken, während ich die Füße in den Sand stecke und das Gesicht der Sonne zuwende. Froh, endlich wieder vollständig zu sein. Mich „normal“ zu fühlen.

Wasserspielplatz

Eine Woge des Vermissens flutet mich – vielleicht hole ich die Kinder heute doch früher vom Kindergarten ab? Die Stille ist mir nun zu intensiv. Ich glaube, ich habe das Alleinsein verlernt. Auch wenn die Kinder nicht bei mir sind, sind sie doch immer bei mir: Sie beherrschen mein Denken, Fühlen und Handeln. Wir sind verbunden durch ein unsichtbares Band. Ein Band, das sehr elastisch geworden ist, das aber niemals reißt. Es ermöglicht meinen Kindern Freiraum, Raum ohne mich, den sie brauchen zum Wachsen und Entfalten. Ich habe diese Vision einer unsichtbaren Hundeleine, die man ganz weit lassen kann, aber irgendwann ist Schluss: Wenn Lennox mir auf dem Fahrrad davonfährt und um die nächste Ecke verschwindet, während ich mit Ida zu Fuß hinterhergehe. Mich befällt eine Nervosität, wenn ich ihn nicht mehr sehe, doch ich weiß, die unsichtbare Leine geht nur bis zur nächsten Straßenlaterne. Dort steht er und wartet auf uns.

So ist es auch, wenn die Kinder für Stunden nicht bei mir sind. Dann spannt sich das unsichtbare Band durch die halbe Stadt. Es könnte sich auch um die ganze Erdkugel spannen, es wäre dennoch da. Ich spüre die Verbindung zu ihnen. Seitdem die Kinder da sind, sehe ich die Welt mit anderen Augen – mit ihren Augen. Die Dinge haben eine andere Bedeutung bekommen: Ein Stock ist nicht nur ein Stock, sondern ein drittes Bein. Oder Tyrannosauruskrallen, wenn er vorne gegabelt ist.

Ich gebe mir selber endlich nach: Ich gehe zum Kindergarten meine beiden Süßen einsammeln. Und danach gehen wir noch zusammen zum Spielplatz, dann kann ich Ida „ihr“ Blatt zeigen. Mir ist so, als hörte ich schon ihr kicherndes Lachen.

 

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4 Gedanken zu “Das unsichtbare Band

  1. Oooooh, wie wahnsinnig schön geschrieben!!! Ich gebe zu, ich musste irgendwie ein Tränchen verdrücken. Hach, was für eine schöne Zeit wir doch erleben dürfen. Mir geht es wie dir. Die Stille ist erst mal Willkommen, aber schon ein paar Momente später spüre ich ein kleines Ziehen vom anderen Ende des unsichtbaren Bandes. Und dann kreisen meine Gedanken um mein Mädchen. Und ich kenne das auch so gut, dass man in jeder Situation automatisch darüber nachdenkt, wie die gleiche Szene mit Kind wäre. Und natürlich das hauptsächlich für die Kinder einkaufen. Hach, das hast du wirklich berührend geschrieben!

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