Es war ein wunderschöner Spätsommertag. Vermutlich einer der letzen Tage des Jahres an denen es bis spät abends schön warm bleibt. Wir haben uns nachmittags mit Freunden auf der Kinder- und Jugendfarm getroffen, ein Ort der mich immer so tiefenentspannt wie kein anderer. Die Kinder haben gespielt, barfuß und mit zerzausten Haaren: sie haben getobt auf dem Heuboden, beim Fussballspielen und auf dem Trampolin. Haben gechillt beim Picknick im Obstgarten und beim Füttern und Streicheln der Kaninchen und Meerschweinchen. Haben Quatsch gemacht, beim Abkühlen am Rasensprenkler. Sind versunken, in ihren Spielen und Geschichten. Ich hatte Zeit, mich mit meiner Freundin zu unterhalten und auszutauschen und einfach nur meine Kinder beim Zufriedensein zu beobachten.

Die Farm schließt um 18 Uhr. Zu früh für einen so schönen Tag. Die Freundin hat sich für diesen Abend noch zum Essen mit ihrem Mann im Biergarten verabredet und fragt, ob wir nicht auch kommen wollen. Ich überlege kurz – es ist mitten in der Woche, morgen ist wieder Schule und Kindergarten, Ida liegt eigentlich spätestens um 19:30 Uhr im Bett, sie braucht ihren Schlaf, ich habe Lennox‘ Hausaufgaben  noch nicht angeschaut… Dann sage ich zu.

Ausnahmsweise.

Ich packe die drei Kinder ins Auto, gebe meinem Mann Bescheid, dass er auch dort hinkommen soll, wenn er zu Hause ist und wir treffen uns am Biergarten wieder. Die Kinder begrüßen sich, als hätten sie sich ewig nicht gesehen. Sie rennen spielend durch die Gegend und über den Spielplatz und schlagen sich durch’s Gebüsch, irgendwann kommen unsere Männer dazu und wir essen zu Abend. Für die Kinder gibt es Limonade. Ausnahmsweise.

Erst um 20:30 Uhr kommen wir nach Hause. Wir sind müde und zufrieden, haben schmutzige Füße und Klamotten und sonnendurchtränkte Haut. Ich möchte den Tag so friedlich beenden und sage den Kindern, sie müssen keine Zähne putzen, sondern sollen gleich ins Bett gehen. Ausnahmsweise.

Die Füße sind noch immer schmutzig, die Haare zerzaust und sie werden es auch am nächsten Tag in Schule und Kindergarten noch immer sein – ausnahmsweise -, denn wir lassen die Kinder so lange wie möglich schlafen.

Ausnahmen bereichern das Leben

Ich lasse gerne mal Fünfe gerade sein, mache die Dinge gerne mal anders als sonst. Was wäre eine Kindheit ohne Ausnahmen? Was wäre ein Leben ohne Ausnahmen? Sie machen das Leben lebenswert und sind in erster Linie das, woran wir uns später gerne erinnern werden. Die Dinge, die man sich allzu oft verwehrt, aus Vernunft, Angst oder Perfektionismus: Was sollen bloß die Anderen sagen, die Erzieher und anderen Eltern, wenn mein Kind schon morgens mit schmutzigen Füßen in den Kindergarten kommt? – So warm ist es heute nicht, da kann ich meinem Kind doch kein Eis kaufen (zu viel Zucker)! – Oje, heute schaffe ich es nicht, noch die Hausaufgaben zu überprüfen, wenn wir abends so lange mit Freunden zusammensitzen? Da muss ich wohl einfach mal hoffen, dass mein Sohn sie wirklich gemacht hat und dass sie einigermaßen ok sind…

Ausnahmen bedeuten immer auch Mut zur Lücke. Diesen habe ich mittlerweile zum Glück wieder. Man kann es auch Gelassenheit nennen. Darum bin ich heute mit drei Kindern oftmals viel weniger gestresst und viel mehr mit mir im Einklang, als ich es zu Beginn mit einem Kind war. Denn auch ich brauche Ausnahmen! Auch eine Mutter hat Bedürfnisse. Ich mag nicht immer nur strikt Regeln einhalten, ich will auch mal die Ausnahme von der Regel – das tut uns allen gut.

Lennox hatte übrigens einen Fehler in den Hausaufgaben – nicht der Rede wert. Und den Schlaf hat Ida am nächsten Tag im Kindergarten nachgeholt, indem sie einfach mittags mit den Kleinen schlafen gegangen ist. Die Erzieherinnen loben ihre Fähigkeit, gut auf sich selber zu achten. Sie merkt, was sie gerade braucht, kann das klar formulieren und legt sich dann eben z.B. schlafen, wenn sie merkt, ihr Körper braucht es. Ich habe große Hoffnung, dass sie diese Fähigkeit irgendwann auch als Erwachsene auf ihr seelisches Wohlbefinden anwenden kann. Dass sie Mut zur Lücke haben wird, dass sie sich Ausnahmen gestatten wird, wenn sie merkt, ihre Seele braucht diese.

Und Carlotta? Die konnte sich unterwegs im Manduca und im Kinderwagen ausruhen und hatte viel Spaß. Sie war im Auto eingeschlafen und wurde zu Hause von uns hingelegt, ohne sie vorher noch mal umzuziehen – sie war am nächsten Morgen also als Erste fertig 🙂 Und saubere Füße braucht sie zum Glück morgens noch nicht.

 

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7 Gedanken zu “Ausnahmsweise

  1. Ausnahmsweise muss ich jetzt schnell noch kommentieren 😉 (obwohl ich heute eigentlich noch gar keine Zeit zum Blogs lesen hätte, grins). Aber ich finde Deinen Beitrag so toll und richtig. Mir geht es auch so. Haben den Tag viel zu lange am See verbracht, aber hey, wann sind Mitte September auch noch 30 Grad??? Zu meinem Mann hab ich gesagt: „putzen kann ich erst ab Donnerstag wieder, da soll dann der Sommer rum sein“.
    Ausnahmen zaubern uns ein Lächeln in den Alltag, machen unvergessliche Momente und tun einfach gut.
    Herzliche Grüße
    Tanja

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Anni, da hast du mal wieder einen tollen Beitrag geschrieben: voller spätsommerlicher Atmosphäre, der liest sich perfekt an so einem warmen Septembermorgen 😉 Ich bin eigentlich genau deiner Meinung, was Ausnahmen betrifft – nur leider funktioniert das bei uns selten so schön, wie du es beschreibst. Wann immer wir uns daran versuchen, geht es fürchterlich schief. Länger aufbleiben? Die Tiets schlafen nachts schlechter und wachen zu allem Überfluss früh zeitiger auf. Ausnahmsweise noch eine späte Limonade? Die Tiets werden sofort total aufgedreht, so dass wir Eltern keine ruhige Minute mehr haben.
    Ich habe das Gefühl, dass unsere Kinder auf einen geregelten Alltag ganz besonders angewiesen sind. Vielleicht sind sie aber auch einfach noch zu klein?

    Gefällt 1 Person

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