Vor einigen Tagen wollten die Kinder unsere Fotoalben aus den Flitterwochen sehen. Wir sind damals innerhalb von 7 Wochen einmal um die Welt geflogen – USA, Kanada, Fiji, Neuseeland, Sydney, Tokio. Als wir so dasaßen und die Fotos anschauten, fragte Lennox plötzlich vorsichtig: „War das Leben schön damals?“ Und es schwang ganz klar eine weitere Frage mit: schöner als jetzt?

Ich musste mich kurz fangen und antwortete wahrheitsgemäß: „Ja, das Leben war sehr schön! Uns ging es sehr gut.“ Und dann sagte ich noch etwas davon, dass es aber leider ihn und seine Geschwister nicht gab. Dass das Leben jetzt auch schön ist, nur anders. Dass wir uns damals ganz doll Kinder gewünscht haben und sogar schon in den Flitterwochen ein Lätzchen und einen Sonnenhut bedruckt mit Kiwis (der Vogel) gekauft haben, weil wir uns so auf ihn und seine Geschwister gefreut haben und wussten, dass es sie eines Tages geben würde. So Sachen, die man als gute Mutter eben sagt 😉 Und die auch alle stimmen, doch die Frage blieb in meinem Kopf:

Waren wir damals glücklicher?

Lennox schien das zu glauben und das macht mich so traurig. Das Problem: Es stimmt in Teilen, auch wenn „glücklicher“ vielleicht nicht das passende Wort ist. Unsere drei Kinder sind Wunschkinder und sie sind alle wundervoll. Sie sind die besten, schlausten, hübschesten und liebenswertesten Geschöpfe auf Erden! Und weil ich sie so sehr liebe, habe ich in den letzten 8 Jahren alles für sie gegeben. Ich habe persönliche, berufliche und gesundheitliche Abstriche bei mir gemacht. Seit 8 Jahren stemmen mein Mann und ich den ganzen Familienbetrieb vollkommen alleine. Es gibt keine Großeltern in der Nähe, keine Geschwister, Onkeln, Tanten, niemanden der mal ein Kind im Kindergarten abholen kann, der bei Krankheit einspringt, bei dem man die Kinder mal lassen kann, um sich gemeinsam einen freien Abend zu  nehmen, geschweige denn ein ganzes Wochenende. Leute die das so nicht kennen, für die solche Dinge alle selbstverständlich sind, können sich meist gar nicht vorstellen, was das bedeutet. Wie das Kinderhaben selbst ist dies etwas, das man selber erleben muss, um wirklich zu verstehen, was das mit einem macht… Wie es ist, vollkommen fremdbestimmt zu sein und keine Entlastung zu haben, über viele viele, lange Jahre hinweg.

Wo bin ich?
Die Anni, die mir von den Fotos entgegenblickt, war scheiße glücklich. Sie trug die Haare offen und auf den Lippen ein zufriedenes Lächeln und sie freute sich auf die Zukunft. Sie wollte die Welt sehen und Spaß haben. Sie war unbeschwert und frei.
Die Anni heute ist nicht unbeschwert und frei. Sondern 24 Stunden am Tag total fremdbestimmt und somit unfrei. Ich kann Euch sagen, ich freue mich total auf September, denn dann wird Carlotta im Kindergarten eingewöhnt (Anm.: Dieser Text lag schon etwas länger in den Entwürfen). Bis dahin heißt es durchhalten. Das hört sich schrecklich an, oder? Aber so empfinde ich es gerade. Ich möchte endlich auf die Suche gehen nach der Anni von damals und sie vielleicht ein bisschen, so Stück für Stück zurückholen. Denn sie ist noch da und wartet auf ihre Befreiung…

Kurz hatte sie zwischendurch schon wieder hervorgelugt in den letzten Jahren. Bevor ich mit Carlotta schwanger war und Ida schon 3 – fast 4 – war. Da war ein Gefühl von Freiheit, ein Job der Spaß gemacht hat, die Idee ein neues Musikinstrument zu lernen, ein Buch das bis zum Ende gelesen wurde. Der Wunsch wieder weiter zu reisen. Und dann die Frage, ob ich all das wirklich noch mal in den Dornröschenschlag versetzen will, um ein drittes Kind zu bekommen.

Und nun kommt der obligatorische Zusatz, den jede „gute“ Mutter an dieser Stelle bringen muss: Ich liebe meine Kinder! Könnte ich mich noch mal entscheiden, ich würde sie wieder bekommen, alle drei. Ich bin kein Versteher der #regrettingmotherhood  -Bewegung – das geht mir zu weit, viel zu weit… Jeder der Kinder hat, kennt das Glück und die tiefe Zufriedenheit die mit ihnen einzieht. Aber wie alles im Leben ist auch Elternschaft nicht immer nur rosarot mit Glitzersternchen. Es ist manchmal verdammt anstrengend und laugt einen aus (und im Winter noch mal mehr). Das muss man sagen dürfen.

Dieser Winter ist zum Glück bald vorbei, der Frühling steht schon in den Startlöchern. Dann wird der Alltag auch wieder leichter, die Krankheiten weniger und die Kraft größer. Und ab September wird dann meine Me-Time mehr und mal schauen, was von meinem alten Ich dann wieder zum Vorschein kommt.

Kennt Ihr das? Habt Ihr Unterstützung im Alltag, oder stemmt Ihr auch alles ganz alleine? Habt Ihr auch noch kleine Kinder, oder konntet Ihr Euch teilweise schon wieder befreien und etwas Selbstbestimmung zurückerobern?

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3 Gedanken zu “Wo bin ich?

  1. Du sprichst mir so sehr aus der Seele, liebe Anni! Wir leben auch weit von der Familie entfernt und haben nie jemanden, der mal einspringen kann. Unsere „Dates“ als Paar in den letzten 11 Jahren kann man locker an einer Hand abzählen. Das ist manchmal echt eine harte Probe. Ich liebe meine Kinder sehr. Aber ich freue mich auch immer darüber, zwischendurch mal kurz ich zu sein und nicht nur ein Muttertier. 😉

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  2. Ich kann deine Zeilen zu hundert Prozent nachvollziehen und mir geht es genau so! Ich selbst habe auch drei Kinder und liebe sie über alles, und dennoch existierte ein Leben vor ihnen. Und ebenso möchte ich wieder mehr Zeit für mich und meine Träume haben, wenn die Kleinen aus dem Gröbsten raus sind. Wir stemmen unseren Alltag ebenfalls allein ohne Verwandte, und als Paar waren wir sage und schreibe drei Mal in fast 6 Jahren mal abends alleine weg. Es ist normal für uns geworden, und dennoch gibt es noch viel Raum für mehr. Aber es ist gut so! Viele Grüße! Claudia

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